Gruppe XXV. Die bildenden Künste der Gegenwart. 129
febre u. s. w. Geringes Gefallen können die kleinlichen Formen erre-gen, welche durch die Abhängigkeit von den Pariser mehr zierlichenals schönen Modellen in vielen Bildern vorherrschen. Man wird mehran Prudhon als an Titian erinnert und nicht in den Kreis holder Frauenschlechthin, sondern in die Gesellschaft von Frauen einer bestimmtenClasse eingeführt, welche berufsmässig mit ihren Reizen coquettiren.Es fehlt das Unbewusste einer vollendet schönen Natur, sonst würdendie unruhigen Bewegungen und oft fast gewaltsam herausforderndenStellungen nicht so häufig Vorkommen. Durch die Bezeichnung derBilder: „Alpdrücken, Grille“ sollen die letzteren erklärt werden; keinvernünftiger Beschauer lässt seine Eindrücke dur.ch Bildertitel regeln.Die über den Kopf verschränkten Arme, die gekniffenen Beine undandere studirte Motive, die mit einer gewissen Vorliebe wiederkehren,lassen das rein künstlerische Interesse vermissen, welches bei Darstel-lungen des Nackten ganz unbedingt herrschen muss.
Wenn man dieses intensive Streben der Pariser Maler, durch vir-tuose Farbenkünste zu glänzen, gewahrt, möchte man glauben, für jedeandere, Richtung sei hier die Theilnahme abgestorben. Und doch fin-den auch solche Künstler, die ganz abseits von dem gewöhnlichen Wegewandeln, ihre Freunde. Schwerlich könnte sonst der alte Glaize sobeharrlich seine moralisirenden Schilderungen fortsetzen. Wie er inder ersten Pariser Weltausstellung die Undankbarkeit der Menschentadelte, die ihre besten Wohlthäter an den „Pranger“ stellt, so geisselter in Wien wieder in einem wunderlichen Bilde die menschliche Thor-heit, welche in jeden religiösen Glauben grausame Unduldsamkeit hin-einschleppt. Der jüngere Glaize bewegt sich in ähnlichen Geleisen.Unter dem Titel „Das erste Duell“ malt er zwei Urmenschen, welcheum den Besitz des Weibchens kämpfen, sich gegenseitig in einen Ab-grund zu werfen bemüht sind, während der Kampfpreis völlig passivden Ausgang des Streites erwartet. Die Moral davon ist, dass am An-fänge des Menschengeschlechts nicht paradiesische Unschuld, sondernbrutale Bestialität herrschte.
Der Protest gegen die traditionellen idealen Anschauungen kannnicht schärfer ausgesprochen werden, als es in dem Bilde von LeonGlaize geschieht. Kein Wunder, dass auch in der Formenwelt derIdealismus schroff zurückgewiesen, die Wiedergabe der gewöhnlichenoft gemeinen Wirklichkeit mit all ihren zufälligen Makeln und Män-geln (grobe, eckige Bewegungen, verschossene Kleider, sonnenverbrannteGesichter, schmutzige Hände u. s. w.) als würdiger Preis künstlerischenBemühens aufgestellt wird. Von dem berühmtesten und talentvollstenVertreter dieser Richtung, Millet, zeigt die Wiener Ausstellung denvielbesprochenen Holzhacker mit dem Tode und den Säemann. Derbäuerische Charakter des letzteren ist mit staunenswerther Wahrheiterfasst, ohne dass der Künstler aber eine wärmere Empfindung äussert
Wienei' Weltausstellung. I. Q