126 Gruppe XXV. Die bildenden Künste der Gegenwart.
ben, solche Probleme zu lösen, dazu eignet sich die orientalische Naturunübertrefflich. Sie wurde aber noch in anderer Beziehung wichtigfür die Pariser Maler. Die ästhetischen Interessen der französischenModewelt beschreiben verhältnissmässig einen engen Kreis. Wie siedas historische Pathos ausschliessen, so ist ihnen auch der Humor undvollends die naive Komik ganz fremd. Man wird lange suchen müssen,ehe man ein Product der poetischen Literatur, eine künstlerische Schöpfungaus den letzten Jahrzehnten findet, die zu einem herzlichen Lachen auf-forderte, zu einem gemüthlichen Genuss anregte. Herbe sociale Conflictebesitzen für die Einbildungskraft der Pariser Mittelclassen einen her-vorragenden Beiz, doch ohne jeden sentimentalen Beigeschmack. Dieoft mit bewunderungswürdiger Schärfe durchgeführte Analysis socialerSchäden genügt, um den Beifall zu locken. Dieses Verzichten auf har-monische Lösungen, dieses Interesse an Conflicten setzt eine gewisseUeberreizung voraus, wie sie häufig in übersättigten Culturperiodenwahrgenommen wird, es lässt eine Brutalität der Empfindung erstarken,die nur deshalb keinen Anstoss erregt, ja kaum erkannt wird, weil siein effectvolle Formen sich kleidet. Von der Macht dieser Richtung derPhantasie legen zahlreiche Bühnenspiele, die von Paris aus ihren Weggenommen haben, und in so vielen Theatern Europas bewundert wer-den, Zeugniss ab. Auch die Scenen aus dem orientalischen Leben inder neuesten französischen Malerei haben in ähr grossentheils ihre Wur-zeln. Die überreich wuchernde Natur, der blendende Farbenschein,gewähren die Mittel, um auch die glühendste Leidenschaft auszudrücken,das orientalische Leben bietet mannigfachen Anlass, Contraste, die dasAuge reizen, zu schildern und sinnliche Empfindungen anzufachen.
Die glänzendste Illustration der Malerei, welche aus dem Orienteihre Anregungen schöpft, bildet in der Wiener Ausstellung HenriRegnault’s „Hinrichtung in Granada“. Das beklägenswerthe Schick-sal des jungen Künstlers, der bei dem letzten Ausfall der Pariser beiBuzenval fiel, hat das Interesse an seinen Werkenbegreiflich gesteigert.Doch bedurfte es kaum des heroischen Nimbus, um seinen künstleri-schen Werth zu erkennen. Regnault war unbestritten das hervorra-gendste Talent der jüngeren Generation und vor vielen Anderen befä-higt, eine Führerrolle in der französischen Kunst zu übernehmen. Ihnzeichnet namentlich ein feines Gefühl aus für die Richtung, welche derästhetische Geist in Frankreich mit Vorliebe einschlägt, und eine sel-tene Energie dieselbe vollkommen auszubeuten. Die Bedeutung seinesWerkes kann nur durch eine genauere Beschreibung desselben klargemacht werden. Vor einer mit rothen und goldenen Arabesken, diewie Email glänzen, überzogenen Mauer steht der Henker, in einen lan-gen, rothen Rock gehüllt, im Begriffe, die blutige Klinge seines Yata-gan an einem Zipfel des Kleides zu reinigen. Zu seinen Füssen liegtder verzerrte Leichnam des Hingerichteten, dessen reiches Gewand (grün