Gruppe XXV. Die bildenden Künste der Gegenwart. 123
Gebrauche der malerischen Formen beschlossen wäre, so besässe diefranzösische Kunst unbestritten den ersten Rang, und zeigte sich nochimmer im Fortschreiten begriffen. Man erkennt den Segen einer lan-gen Kunsttradition und den günstigen Einfluss, den das gesicherte An-sehen der Kunst auf die Wirksamkeit des Einzelnen übt. Man darfaber auch nicht die Vorth eile übersehen, welche die in Frankreichübliche Künstlererziehung gewährt. Fast alle hervorragenden Künst-ler der letzten Generation haben Ateliers errichtet, in welchen Schülerunterrichtet werden. Ganz abgesehen von der bessern Ueberwachung(nicht in Bezug auf die Moral der Jünglinge, sondern ihre künstlerischenFortschritte) und der unmittelbaren persönlichen Einwirkung wird hierder junge Künstler geraden Weges in die Praxis eingeführt und mitallen Mitteln und Wegen, welche die Kunstübung fördert, vertrautgemacht. Seine Erziehung dauert ziemlich lange, erst nach vieljähri-gem Studium geht er an ein selbstständiges Schaffen; er wählt sichnicht das grosse Publicum zum Theilnehmer seiner ersten, befangenenVersuche, Sündern wartet, bis er wenigstens in einer Richtung eine voll-ständige Sicherheit des Auftretens erreicht hat. Statistische Erhebun-gen sind meines Wissens nicht darüber angestellt worden, in welchemLebensalter französische Künstler durchschnittlich den Salon zum erstenMale beschicken. Sie würden wahrscheinlich ergeben, dass dieses ver-hältnissmässig später geschieht, als z. B. in Deutschland.
Mit dieser Form der französischen Künstlererziehung hängt es zu-sammen, dass auf die malerische Behandlung das Hauptgewicht gelegtund der zur Schilderung gewählte Gegenstand nur in so weit vomKünstler genauer erwogen wird, als et Gelegenheit giebt, Probleme derFarbentechnik zu lösen. Dennoch wäre es ein grosser Irrthum, zumeinen, dass der Gegenstand der Darstellung völlig gleichgültig sei.Der Beschauer, wenn er nicht einem ausgewählten Kreise künstleri-scher Feinschmecker angehört, sieht nicht bloss malerische Formen, son-dern mit ihnen unauflöslich verknüpft auch einen Inhalt des Bildes,den er zu verstehen sich bemüht. In den meisten Fällen wird er zu-erst nach dem Was und dann erst nach dem Wie der Darstellung fragen.Und selbst die Künstler, wenn sie sich auch meist von technischenInteressen bei der Wahl des Gegenstandes leiten lassen, zeigen docheine deutliche Vorliebe für den einen, eine Abneigung gegen den an-dern Gestaltenkreis, ohne dass die malerische Brauchbarkeit derselbenden Ausschlag dabei gebe. Man kann z. B. nicht behaupten, dassbiblische Scenen weniger malerisch wären, als Schilderungen aus demprofanen orientalischen Leben, Bilder aus der modernen Gesellschaftfarbenreicher als Darstellungen aus den . vergangenen Jahrhunderten.
Die Frage nach dem Verhältnisse des Inhaltes zur Form der Dar-stellung tauchte in den letzten Jahrzehnten wiederholt auf, ohne dasseine befriedigende Lösung bis jetzt wäre gefunden worden. Es gab