Druckschrift 
1 (1874)
Entstehung
Seite
117
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Gruppe XXY. Die bildenden Künste der Gegenwart. 117

Zusammengerafften zu nehmen und ein übersichtliches Bild von demZustande und der Entwickelung der französischen Kunst auf derselbenzu entfalten. In der Specialausstellung der Stadt Paris wirduns, durch Zeichnungen, Skizzen und Photographien vertreten, diemonumentale Kunst der französischen Hauptstadt, so weit sie in denletzten Jahrzehnten gepflegt wurde, vor die Augen gebracht. Unddiese Pflege war reicher als man gewöhnlich glaubt. Ausser denPlänen für Kirchen, Theater, Markthallen, Schulen und Gefängnisseliegen Proben der Sculpturen und Malereien vor, mit welchen die öffent-lichen Gebäude, profane und kirchliche, in überreicher Zahl geschmücktwurden. Fast alle diese Werke sind den weiteren Kreisen unbekanntund werden bei dem Urtheil über die französische Kunst selten ange-zogen. Uebt die öffentliche Meinung ein so grosses Unrecht, wenn sieden Charakter der französischen Malerei vollständig zu begreifen glaubtauch ohne die Werke der monumentalen Malerei in Betracht zu nehmen?Thatsache ist es, dass die letzteren die allgemeine Aufmerksamkeitungleich weniger in Anspruch nehmen, als die Salonbikler. Daraus denSchluss zu ziehen, die monumentale Malerei sei in Frankreich wenigergepflegt und gefördert worden, wäre ein grober Irrthum. Selbst inDeutschland sind im Laufe der letzten vierzig Jahre nicht so vieleWandgemälde geschaffen worden, wie in Frankreich. Die PariserKirchen sind mit denselben gefüllt und eben so häufig blicken sie unsvon den Decken der öffentlichen Paläste entgegen. Die Madelaine undNotre-dame de Lorette, St. Sulpice und Severin, St. Germain des Presund St. Eustache und alle die modernen Vorstadtkirchen in Belleville,Clignancourt u. s. w. glänzen iiii farbigen Schmucke. Der überwiegendenZahl der Kirchenbilder merkt man aber alsbald den officiellen Ursprungan; den Künstlern genügt es, den empfangenen Auftrag in anständigerWeise zu erfüllen, ohne dass sie mit dem Herzen bei der Sache wärenund ohne das sie verleugneten, wie fremd ihnen die Beschäftigung mitder religiösen Kunst geworden sei. Von hervorragender Bedeutung istder einzigeHippolyte Flandrin, dessen Wandgemälde in St. Germaindes Pres und insbesondere in St. Vincent de Paul den Ehrenplatz inder modernen kirchlichen Malerei einnehmen. Was sonst an kirchlichenWandgemälden von Schülern Ingres, welchen selbstverständlich dergrösste Antheil an denselben zufiel, geschaffen wurde, besitzt fast ohneAusnahme einen bedenklichen akademischen Zug, eine kühle, nüchterneAuffassung, eine tödtlich langweilige Correctheit der Formen. Manfindet keine Fehler, aber entdeckt auch keine Vorzüge. Als Beispielmögen die Wandgemälde von Cornu und Pichon' in St. Severindienen. Die Naturalisten und Coloristen, welche in den letzten Jahr-zehnten gleichfalls diesem Kunstkreise sich zuwendeten, wie z. B. Cou-ture, sündigen freilich nicht durch kalte Nüchternheit, enthüllen aberden Widerspruch zwischen den persönlichen Anschauungen der Künstler