Gruppe XXV. Die bildenden Künste der Gegenwart 113
sisclie Mansardenstil, von dem die Zeitgenossen Ludwig’s XIV. sagten,er bereite den grossen Herren ein Paradies, der Dienerschaft eine Hölle,ist geradezu Modestil geworden. Doch ist nicht anzunehmen, dass essobald wieder zu einem Stilwechsel kommen werde, vielmehr zu hoffen,dass wir bei der Renaissance dauernd beharren werden, reiche Müssegewinnend, uns in dieselbe einzuleben und ihr noch neue Seiten wir-kungsvoller Schönheit abzulauschen.
Auch auf dem Gebiete der Plastik gab in den ersten Jahrzehn-ten unseres Jahrhunderts die Antike den Ton an und bewahrte einenunbedingten Einfluss; auch hier bildete die energische Rückkehr zuden classischen Formen der Griechen den wichtigsten Fortschritt ge-gen die Zopfperiode und bezeichnete die Wiedereinsetzung der Antikein ihr Recht als plastisches Ideal eine neue Epoche unserer Kunst.Thorwaldsen’s Beispiel fand die allgemeinste Nachahmnng und wennauch die Franzosen keinen Mann gleicher Begabung besassen, so wurde dochauch hier nach dem Vorgänge Bosio’s durch P radier, Lemaire undAndere die antikisirende Richtung alleinherrschend. Selbst Porträtsta-tuen und Ehrendenkmale moderner Persönlichkeiten mussten sich eineiiusserliclie Umbildung gefallen lassen, damit die unerbittlichen Forde-rungen des classischen Stiles erfüllt würden. Hier aber, im Kreise dermonumentalen Plastik, wurde zuerst der Versuch gewagt, das Baudder antiken Tradition zu lockern, wohl gar zu lösen. Die Rücksichtauf die Wahrheit und lebendige Treue der Darstellung überwog dieBedenken, die man sonst gegen die unplastische moderne Gewandunghegte. Mit wie grossem Eifer die deutsche Kunst diesen Zweig derScnlptur gepflegt, welchen wahrhaft historischen Ernst nnd kräftigausgeprägten Charakter unsere Heldendenkmäler offenbaren, ist bekannt.Die ideale Sculptur ist 'bei uns den antiken Traditionen noch ziemlichtreu geblieben, während in Frankreich gerade hier die regste Lustzu ändern und zu neuern sich regt. Es scheint, als ob die Künstlersich von dem Muster der Antike gedrückt fühlten und gern den Bannbrechen wollten, welcher ihre Phantasie bisher gefangen hielt. Mitgrossem Eifer bemühen sie sich, den Kreis der darzustellenden Gegen-stände zu vermehren, über die antiken Mythen hinauszugreifen undaus dem einfachen Naturleben' der ursprünglichen Beschäftigungsweisen,aus dem Hirten-, Fischer-, Jägerleben u. s. w. wirksame Motive für dieplastische Verkörperung zu wählen. Gewiss verdient dieses Strebendie höchste Anerkennung und gehört die Genreplastik zu den lebens-fähigsten und entwickelungsreichsten Zweigen unserer Kunst. Aberdie Vermehrung des Stoffkreises genügte nicht, auch die Formensprachewurde geändert. Näher, als es früher zulässig war, rückt die plastischeForm an die malerische heran, schärfer wird auch das Kleine und Zu-fällige in der wirklichen Natur beobachtet und mit täuschendem Scheinewiedergegeben, Bewegtheit der Linien, Leidenschaft des Ausdruckes,
Wiener Weltausstellung. I. ft