••• •-: - I. IM « .—. .
114 Gruppe XXV. Die bildenden Künste der Gegenwart.
das Hereinziehen selbst pathologischer Zustände in die sonst so ruhigeplastische Welt erscheint nicht mehr verboten. Demgemäss ändert sichauch die plastische Technik und eignet sich Mittel an, an welche frü-her nicht gedacht wurde, sie entwickelt namentlich nach der Seite dermalerischen Effecte eine staunenswex’the Virtuosität. Alle diese Vor-gänge beobachtet man nicht allein in der französischen Kunst. DieItaliener, immer tüchtige Marmorarbeiter, sind in den letzten Jahrzehn-ten neben den Franzosen in den Vordergrund getreten und haben inder oben erwähnten naturalistisch-malerischen Richtung bis jetzt denweitesten Weg zurückgelegt. Eine so grosse Rührigkeit sich auf dem Ge-biete der Plastik in den letzten Jahrzehnten zeigt, so erscheint sie dochnahezu wie ein Stillstehen, verglichen mit den stürmischen Bewegungenin der modernen Malerei. Hier steht das Sonst dem Jetzt am schroff-sten und am wenigsten vermittelt gegenüber. Die Veränderung ist zugross, als dass sie allein auf die Wandelbarkeit künstlerischer Launeoder auf Ursachen, welche innerhalb des Kunstbetriebes liegen, zurück-geführt werden könnte. Mit der Erklärung, die nothwendige und natür-liche Entwickelung der Malerei habe diesen scharfen Wechsel hervor-gerufen reicht man nicht aus, man muss vielmehr die socialen Verhält-nisse, die allgememeinen Zustände des modernen Lebens mit zu Hülfenehmen, hier die Gründe des plötzlichen Wechsels unserer künstlerischenAnschauungen erforschen.
Man kann von einem regern modernen Kunstleben eigentlicherst seit den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts reden. Gleich-zeitig erhob sich in Deutschland und Frankreich die Malerei zu nichtgeringer Bedeutung. Namentlich in Deutschland war die Kunstpflegebei der grossen Verarmung des Volkes beinahe ausschliesslich in denHänden einzelner kunstsinniger Fürsten, und auch in Frankreich wardie Unterstützung, welche die Malerei besonders durch die Juliregie-rung genoss, von beträchtlichem Umfange. Der Kunsterwerb durchPrivate trat dagegen in den Hintergrund. Dieser Umstand übte aufden Charakter der Kunstwerke einen wesentlichen Einfluss. Die Male-rei wurde in der Regel als Schmuck der Architektur aufgefasst, mitdieser verbunden und als eine monumentale Kunst behandelt. In denletzten Jahrzehnten dagegen sind, Dank dem weitverbreiteten Reich-thume Private, reiche Kunstliebhaber und Sammler, auch Händler —das Wort: Kunstmarkt wurde vor dreissig Jahren nur selten vernom-men — die thätigsten Kunstförderer geworden. Wenn der Staat nochals Mäcen .auftritt, so geschieht es als Sammler, um einzelne hervorra-gende Werke öffentlichen Galerien cinzuverleiben, ohne dass die Rich-tung der Kunst dadurch, wie es früher der Fall war, irgendwie be-stimmt würde. So ist es geschehen, dass die monumentale Malereisich in Cabinetsmalerei verwandelte. Die Folgen dieser Aenderungtrafen sowohl die Gegenstände wie die Form der Darstellung. Derreligiösen und historischen Malerei wurde der Lebensfaden beinahe