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1 (1874)
Entstehung
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112
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112 Gruppe XXY. Die bildenden Künste der Gegenwart.

architektur sollte dieselbe die Alleinherrschaft antreten. Ihr Sieg wärevielleicht unbestritten geblieben, wenn die Stimmung, welche nach demgewaltsamen Zusammenbruche der Volksbewegung 1848 waltete, sichdauernd erhalten hätte. In weiten Kreisen wurde die Mahnung ver-nommen, im Angesicht der zerrütteten öffentlichen Zustände und derentfesselten Leidenschaften die Stützen der alten moralischen Ordnungzu stärken. Das kirchliche Bewusstsein erhob sich zu einer Macht,welche die früheren Menschenalter nicht gekannt hatten, und machteseinen Einfluss auch auf Gebieten geltend, welche vordem sich vondemselben unabhängig gestellt hatten. Dadurch stieg auch das Inter-esse an dem gothischen Stile. Während ihm anfangs romantischerSinn und nationale Begeisterung vorzugsweise das Wort sprachen, warnun auch kirchlicher Eifer für seine Verbreitung bemüht, da in ihmder innigste Bund der künstlerischen Phantasie mit der christlichenEmpfindung gefeiert wurde.

Doch auch den mittelalterlichen Bauweisen gelang es nicht, einevorherrschende Stellung in der Gegenwart zu wahren. Vielfach be-rührte es peinlich, dass der Agitation für die Gothik ein polemischesElement sich beimischte und die classische Grundlage unserer Bildungvon den Verfechtern des mittelalterlichen Kunstideals ohne Grund undohne Recht feindlich angegriffen wurde. Den Ausschlag gab jedochdie Ueberzeugung von der eng begrenzten Wirkungskraft des gothi-schen Stiles. Kein anderer Baustil hält das Ornament in so festenBanden und knüpft es so unbedingt an die eigenthümliche Construc-tionsweise an, so dass es gleichsam nur als Schema derselben erscheint,als der gothische Stil. Selbstständig gestellt, nicht von einer gross-artigen Construction getragen, wird das gothische Ornament leichtmonoton. Bei der grossen Rolle, welche das decorative Element inunserer Profanarchitektur spielt, war es begreiflich, dass die mit rei-cher Phantasie begabten Künstler sich von der Gothik abwendeten undeine grössere Vorliebe für jenen Stil zeigten, welcher ihnen in dieserHinsicht einen freien Spielraum lässt, der mit der Richtung der ande-ren bildenden Künste und namentlich auch mit der Richtung unsererKunstindustrie in vollem Einklang steht und die meisten Aufgabender modernen Baukunst leicht und gut zu lösen gestattet. Das ist dieRenaissance, die zwar niemals völlig ausser Acht gelassen wurde,doch erst im letzten Jahrzehnt eine nicht bloss unbestrittene, sonderngeradezu begeisterte Aufnahme fand. Wie dieselbe in der Kunstfor-schung heutzutage vorzugsweise gepflegt wird, so wenden sich ihr auchin der Kunstpraxis die hervorragendsten Künstler zu. Freilich istinnerhalb der Grenzen des wieder angenommenen Renaissancestiles einunruhiges Schwanken bemerkbar. Die effectvollen Formen des 17.Jahrhunderts werden häufiger "ängewendet als jene des Cinquecento,bis hart an das Rococo streifen einzelne Architekten an, der franzö-