Druckschrift 
1 (1874)
Entstehung
Seite
108
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108 Gruppe XXY. Die bildenden Künste der Gegenwart.

an ihrer Gesammtheit erkennen zu lassen, in welcher Strömung sichdie gegenwärtige Kunst bewege, welche Richtungen in ihr vorherr-schen, wie sich dieselbe zu den Ueberlieferungen älterer und neuererZeiten verhalte, oh diese von ihr festgehalten oder abgelehnt oder selbst-ständig weiter entwickelt werden. Jede Ausstellung ist wesentlichdidaktischer Natur. Dieses zugegeben, verstummen die meisten Kla-gen und bleibt nur der Wunsch übrig, dass stets ein vollständiges,richtig ausgew.äliltes und verständig geordnetes Material geboten werde,um den Unterricht ergiebig zu machen. Leider muss aber zugestandenwerden, dass der Zufall noch immer einen überwiegenden Einfluss aufdie Zusammensetzung der Ausstellungen übt, und das Bild, welchesvon der gegenwärtigen Kunst auf Grund der hier gewonnenen An-schauungen entworfen wird, stets vielfacher Verbesserungen bedarf umder Wahrheit zu entsprechen. Die Enthaltung hervorragender Künst-ler, die ungleichmässige Beschickung durch die verschiedenen Schulenbringen in den Charakter der Ausstellungen gewöhnlich eine falscheFarbe. Doch trifft dieser Vorwurf die Wiener Ausstellung nicht stär-ker als ihre Vorgänger, ja man möchte behaupten, dass die Vertheilungnach Ländern und Schulen dem wirklichen Verhältnisse im Ganzenangemessener sei, als dieses früher der Fall war.

Um die Bedeutung der Wiener Weltausstellung im Kreise derbildenden Künste richtig zu würdigen, erscheint es rathsam, die beidenPariser Weltausstellungen 1855 und 1867, sowie die Münchener inter-nationale Kunstausstellung vom Jahre 1869 zur Vergleichung heranzu-ziehen. Zunächst wird dadurch das steigende und fallende Maass derkünstlerischen Production und der Grad der Betheiligung der einzel-nen Länder festgestellt. Die erste Pariser Ausstellung (1855) zähltein der Gruppe der bildenden Künste 5112 Nummern; von diesen ent-fielen auf die französische Kunst 2711, auf die'englische 778 Nummern,in den Rest von 1623 Werken theilten sich die übrigen Völker. We-der Deutschland noch Italien waren entsprechend vertreten; schon dieZersplitterung in zahlreiche kleine Gruppen, da nicht das nationale,sondern das politische Princip der Eintheilung beliebt wurde, musstedie Wirkung dieser Ausstellungen aufheben, abgesehen davon warenauch die Zusendungen namentlich von Seiten Deutschlands nicht zahl-reich genug erfolgt. Die Pariser Weltausstellung 1867 zeigte einähnliches Uebergewicht der französischen Schule. Von 3973 ausge-stellten Werken gehörten 1043 derselben an; in der englischen Abthei-lung sank gegen 1855 die Summe der eingesandten Werke (was inWien in noch höherm Grade der Fall war) und wenn die deutscheund italienische Kunst eine reichere Vertretung fanden, so blieb dochdie eine wie die andere weit hinter der französischen zurück. Da inMünchen (1869) das entgegengesetzte Verhältniss beobachtet wurde,hier von 3409 ausgestellten Werken nur 538 auf Frankreich fielen, so