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1 (1874)
Entstehung
Seite
109
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Gruppe XXV. Die bildenden Künste der Gegenwart. 109

scheint die Wahl des Ausstellungsortes, seine mehr westliche oder öst-liche Lage auf die Betheiligung der verschiedenen nationalen Kunst-schulen einen entscheidenden Einfluss zu üben. Die Wiener Weltaus-stellung straft diese Meinung keineswegs Lügen. Wenn auch die fran-zösische Kunst durch eine überraschend grosse Zahl von Werken ver-treten ist, so bewahrt doch die deutsch-österreichische Gruppe dasentschiedenste Uebergewicht, nicht so sehr in Bezug auf die absoluteZahl der ausgestellten Werke, als in Hinsicht der Steigerung derTheil-nahme. Die Summe der französischen Werke ist gegen 1867 etwasgestiegen, gegen 1855 aber namhaft gefallen. Die Summe der deut-schen Werke hat sich gegen 1867 beinahe verdoppelt, jene der öster-reichischen hat sogar das Fünffache erreicht. Die folgende Tabelle magdas Maass der Betheiligung deutlich machen:

Gesammt- Frankreich Deutschland Oesterreich- Italien Englandsumme Ungarn

1867: 3973 1043 555 193 301 563

1873: 6060 1573 1026 1079 625 203

Die einzelnen Ausstellungen unterschieden sich von einander nichtallein durch die äussere Zusammensetzung, jede derselben besass nocheine besondere Bedeutung für das Kunstleben der Gegenwart und trugeine eigenthümliche Signatur. Auf der ersten Pariser Ausstellung feier-ten die Helden der alten französischen Schule Ingres und Delacroix,von welchen der eine bis auf David zurückweist, der andere vorzugs-weise jene Anschauungsweise vertritt, welche in der Restaurations-periode ihren Ursprung nahm, ihren höchsten Triumph. Selbst bei ihrenLandsleuten gewannen sie erst jetzt unbestrittene Popularität und weit-tönenden Ruhm. Neben ihnen traten alle französischen Künstler weitzurück, zu ihnen schien das jüngere Geschlecht mit unbegrenzter Be-wunderung emporzublicken. Um so grösser war die Ueberraschung,welche die zweite Pariser Weltausstellung (1867) darbot. Alle dieMänner, welche den Ruhm der französischen Kunst begründet hattenund als die wahren Meister anerkannt waren, hatten bereits das Lebenverlassen. Ingres und Delacroix, Delaroche und Vernet zähltenzu den Todten. Eine neue Reihe von Künstlern trat in den Vorder-grund. Es waren aber nicht allein andere Träger der französischenKunst, die wir erblickten, es war auch eine ganz neue Welt, die sichvor unseren Airgen aufthat, eine vollständig veränderte Kunstrichtung,welche uns entgegentrat. ^

Meissonier, Cabanel, Gerome und Theodor Rousseau nah-men jetzt den Platz ein, welcher zwölf Jahre zuvor einem Ingres oderDelacroix eingeräumt worden war. Also die feinste Kleinmalerei,welche die Charaktere nur mit der Pinselspitze aufträgt, für die Schil-derung menschlichen Stilllebens die beste Kraft besitzt, die Verherr-