Anordnuny der Bibliotheken im Mittelalter. 319
klar zu Tage liegenden Zweck gleichgiltig • man konnte in dieserWeise am besten zwei oder mehrere Exemplare eines und desselbenWerkes differenziren, da bei der wechselnden Zeilenzahl und Ver-schiedenheit der Hände so gut wie nie die an gleicher Stelle stellendenBlätter mit denselben Worten begannen oder schlössen. 1 )
Im Allgemeinen wählte man- aber lieber das zweite statt desersten, das vorletzte statt des letzten Blattes, weil jene besondershei ungebundenen Büchern allerlei Unbill ausgesetzt und in der Regelstark abgegriffen waren.
Dass jedoch dieser complicirte Stil der Inventarisirung von Büchernaus Frankreich seinen Ursprung herleite, ist ebensowenig dem Zweifelunterworfen, als es wahrscheinlich ist, dass derselbe von Paris und derBibliothek der Sorbonne seinen Ausgang nahm. Vor Anfang des14. Jahrb. ist bis jetzt kein Beispiel bekannt. Wie stark diese Sittegerade in Frankreich ausgeprägt war, kann man u. A. bei der Inven-tarisirung des päpstlichen Schatzes beobachten. Das Verzeichniss No. 628von 1295 beschreibt die Bücher theils durch blosse Titelangabe, theilssind die Anfangsworte der Codices gegeben, No. 629 aber, welches 1311von Franzosen gefertigt ist, zeigt vollständig den französischen Stil.Dass dieser Stil überhaupt mehr für ein Inventar als für einen Catalogpasst, liegt auf der Hand. In manchen Verzeichnissen ist neben diesenäusserlichen Kennzeichen einer Handschrift auch der Titel des Werkesangegeben, in anderen aber ist über den Inhalt gar nichts gesagt.Machte man einmal einen Catalog mit genauerer Inhaltsangabe derHandschriften, so konnte man jene Dinge ohne Schaden weglassen, wiez. B. No. 633 gegenüber den anderen Avignoneser Verzeichnissen zeigt.So kleinlich die ausführliche Hervorhebung und Besprechung dieserAeusserlichkeiten erscheinen mag, so wenig ist sie es in der That,wenigstens für einen besonderen Fall. Denn auf ihrer methodischenVerwerthung baut sich geradezu die Geschichte der VaticanischenBibliothek bis Ende des 16. Jahrh. auf, eine höchst wichtige Detail-arbeit, die jedoch gegenwärtig nur ein Mann zu leisten im Standewäre, Franz Ehrle. 2 ) Die todten Urkundenmassen, die heute das
') Dass hierzu die Vorsicht gegen Unterschleif veranlasste, zeigt die1321 ausgearbeitete Bibliotheks-Ürdnung des College de Sorbonne (Bibl. Nat.Fonds de Sorbonne No. 1280, pg. 9), wo es in Betreff auszuleihender Bücherheisst: Item, non sufficit scribere: talis habet talem librum VI librarum velhujus, nisi scribat etiam sie in registro: ineipit seeundo folio sie vel sie, nefiat fraus in commutando librum majoris precii in librum ejusdem speciei,minoris tarnen precii, vel si perderetur unus non restitueretur pejor.
2 ) In seiner Historia bibliothecae romanorum pontificum tum Boni-fatianae tum Avenionensis .... illustrata T. I ist mit dieser Arbeit derAnfang gemacht, so weit sie eben unter den gegenwärtigen misslichen Ver-hältnissen möglich war. — Ein interessantes Beispiel von sicherer Identifl-cirung einer Hs. auf diesem Wege bietet L. Delisle in den Notices et Extraitesdes Mscr. T. XXXI., 2. partie ,Notice sur un mscr. de l'abbaye de Luxeuil,copie en 625' pg. 149 sqq. Das Verzeichniss der von Koscelin an die Cathe-drale zu Beauvais geschenkten Hss. (in einem Martyrol. Cathedr. Bellovacensissaec. XI. in der Bibl. des Herrn Le Caron de Troussures) hat an erster