I. Die Erzeugnisse der Möbeltischlerei etc. 379
die nur da am Platze sind, wo es sich um die Conflicte von Last undStütze handelt, wie sie im Steinbau ihren Ausdruck finden.
Bemerkenswerth als eine Andeutung künftiger Fortentwickelungim Stil des Mobiliars ist die Erscheinung, dass bei nahezu allen aufder Ausstellung vertretenen Völkern ein bewusstes Zurückgreifen aufihre nationalen Ausprägungen der Renaissance zu Tage tritt. In Deutsch-land macht sich dies vornehmlich bei den Münchenern und Nurnbergern,dann auch bei den besseren Arbeiten der Dresdener geltend, wobei esdenn nicht befremdet, Anklängen an den üppig entwickelten Rollwerk-stil einer der Barocke genäherten Spätrenaissance häufiger zu begeg-nen, als solchen an die seltenen Spuren unserer vor völliger Entfaltungverblühten Frührenaissance. Frankreich scheint seine Motive mit Vor-liebe solchen in ihrer phantastisch-decorativen Spielerei echt nationalenEntwürfen zu entnehmen, wie sie uns in den interessanten RadirungenJ. A. Dncerceau’s und anderer französischen Ornamentisten des16 . Jahrhunderts erhalten sind. Des Genannten Einfluss ist z. B. un-verkennbar in dem Fourdinois'scheu Cabinet, während der Juwelen-schrein Christofle’s an den Stil Louis XIII. erinnert. In Belgienbegegnen uns Vredemann de Vriese’sehe Formen in dem bestenStück der Fabrik von Sny ers-Ran g & Co. dem „bahnt“ aus Eichenholzmit Beschlägen aus getriebenem Messing. Die Schwäche der Englän-der, in örtlichen Varianten der Renaissance folgerichtig durchgebildeteStilarten zu erblicken und nachzuahmen, ist bekannt. Die Blechaus-schnittornamentik des Elisabetli’schen Stiles scheint jedoch heute imSchwinden. In Russland führt die nationale Bewegung zum Aufspürenund Wiedergeben allerlei älterer Formen, für die man um Namen nichtverlegen scheint {„style Jeanletcrriblc “ und dergleichen). Am naivstengreift Italien auf seine eigene Vergangenheit zurück; was derselbenseine heutigen Sculptoren und Intarsiatoren verdanken, erkennt manso recht, wenn mau sie einmal auf eigenen Wegen wandeln sieht. Flo-rentiner, Sienesen und Römer bewegen sich mit Vorliebe in der Orna-mentik der Quattrocentisten, die Venetianer wissen auch den schwere-ren Formen der zweiten Hälfte des Cinquecento Brauchbares zu entlehnen.
In Verbindung mit diesen Andeutungen ist zu erwähnen, dassauch sonst mit mehr oder minderem Geschicke nationale Reminiscenzenauf mannigfaltige Art in der Holzindustrie ausgebeutet werden. Dassnordisches Runeubandgeschlinge dem modernen Möbel nicht auf denLeib passen will, ist klar, das beweisen zum Ueberfiuss eiuige Ver-suche in der skandinavischen Abtheilung. Wirklich bedeutend dagegensind die Bestrebungen russischer Möbelfabrikanten, jene stilistischenMotive, welche in dem Holzbau des russischen Bauernhauses nochheute ein gesundes Dasein fristen, den Bedürfnissen der städtischenGesellschaft anzupassen. So misslungen die analogen Versuche auf demGebiete der Metallindustrie, so Anziehendes ist damit bei den Möbeln