Druckschrift 
Bd. 3, Abt. 2 (1874)
Entstehung
Seite
4
Einzelbild herunterladen
 

4

Gruppe XVI. Heereswesen.

Und welche sicheren Schlüsse über die gesammten Beziehungender einzelnen Theile der grossen Staatsmaschine zu einander lassensich nicht durch Vergleich der Wehreinrichtungen gewinnen?

Das Heerwesen ist dafür geradezu eine lebendige Universalstati-stik, wahrhafter sprechend, als eine auf irgend welchen problematischenAngaben und Listen hissende. Wie zuverlässig berichtet es nichtüber Volkszahl und körperliche Tüchtigkeit, über Sinn und Charakterder Nation und deren Beschäftigung, über die Stufe der moralischenund geistigen Entwickelung, über Steuerkraft und Finanzlage undüber das, was sonst noch geeignet ist das Volksthum, im Ganzen Wieim Einzelnen, genau darzustellen.

Selbst Göthe, der gründliche Kenner menschlichen Wesens , ge-steht unumwunden zu, dass die Beschaffenheit der Heere und der Ge-richte die genaueste Einsicht in die Beschaffenheit eines Reiches giebt.Doch wer würde nicht einräumen, dass das Heerwesen sich noch innigeran das Volksthum anlehnt, als wie Rechts- und Staatsverfassung. Ver-altete , verbrauchte Normen vermögen auf dem Boden der letzterenlange noch zu vegetiren, wenn sie auch der Forderung der Zeit nichtmehr entsprechen. Eine Nation aber, deren Heeresverfassung so ver-kommen wäre, sie wäre sicher dem Verderben geweiht, die Tage ihresDaseins wären gezählt.

In richtiger Auffassung und Würdigung dieser Wahrheit, dass indem Heerwesen eines der besten Mittel gegeben sei, um den Zielengerecht zu werden, welche die so genial veranlagte Weltausstellung inWien sich gesteckt hatte, war das für die 16. Gruppe derselben entwor-fene Programm ein äusserst umfassendes und sachgemässes gewesen..

Es war wohl dazu angethan, das Wehrwesen klar und bestimmt,im Ganzen wie im Einzelnen, darzulegen.

Wenn dieses reichhaltige, schöne Programm nur ein Wunsch ge-blieben und nur geringe Erfüllung gefunden hat, so wird der Fach-mann zwar bedauern, dass ihm die Gelegenheit zu den interessantestenund instructivsten Studien und Vergleichen entzogen worden ist, aberer wird-eingestehen müssen, dass eine solche Wendung von vornher-ein wahrscheinlich war.

Wohl vorauszusehen war es, dass die Mehrzahl der Staaten sichnicht dazu verstehen würde, officiell in eingehendster Weise die ge-sammten Details ihrer Heerseinrichtungen dem kritischen Urtheilesachkundiger Fremdländer vorzulegen.

Vorauszusehen war es, dass Staaten die Fortschritte im Waffen-wesen, welche sie nur durch Aufwand an Zeit, namhaften Mitteln undVersuchen zu erreichen im Stande waren, und zunächst geheim hiel-ten, um die gewonnenen Vortheile dem Ileimathslande so lange alsmöglich zu sichern, nicht ohne Weiteres in der grossen Arena zu Wienzur Schau stellen würden.