129
Chlor, Brom, Jod, Fluor.
Berichterstatter von competenter Seite mitgetheilt, dass die tinctorialeIndustrie in Iluddersfield und in Barmen noch immer grosse QuantitätenBrom von Stassfurt bezieht. — Die Verwendung endlich, welche dasBrom in der Form von Bromwasser als Desinfectionsmittel währenddes nordamerikanischen und des deutsch-französischen Krieges gefun-den hat, ist ebenfalls eine beschränkte geblieben, obwohl sich mancher-lei Vorzüge des Broms vor dem Chlorkalk herausgestellt haben. InLazarethen zumal ist der Gebrauch des Broms als desinficirendes Agensmit viel weniger Unbequemlichkeiten für die Respirationsorgane derKranken verknüpft, als sie das Chlor mit sich bringt.
Trotzdem, wie gesagt, das Brom in der Grossindustrie fast keineAnwendung findet, ist seine Production doch immerhin eine ziemlichbedeutende, wie aus den Angaben Chandler’s 1 ) hervorgeht, denenzufolge 1869 und 1870 allein in Nordamerika jährlich 62 500 KgBrom gewonnen wurden (namentlich in Tarentum, Sligo, Natrona,Pomeroy, Ohio und Kanawha). Stassfurt producirte im Jahre 187320 000 Kg, England und Frankreich zusammen etwa ebenso viel.
Nach dem Vorhergehenden kann es nicht befremden, dass auchüber Methoden der Bromgewinnung wenig Neues zu berichten ist.
Für England liess sich Leisler 2 ) ein Verfahren für Gewinnungvon Brom (und Jod) patentiren, welches darin besteht, dass man unterAnwendung von Salzsäure und Kaliumbichromat in einer Blase ausEisen, welche mit einem bleiernen oder thönernen Helm versehenist, die bromhaltige Lauge zersetzt und das auftretende Brom mitWasserdampf in einen mit Eisendrehspähnen beschickten Recipientenbläst. Hier bildet sich Bromeisen, welches sich in dem mit über-gegangenen Wasser löst und entweder nach den gewöhnlichen Ver-fahrungsarten in andere Brommetalle verwandelt oder durch Erhitzenmit Schwefelsäure und Kaliumbichromat auf Brom verarbeitet werdenkann. Zur Anwendung scheint dies Verfahren nie gelangt zu sein, daes sich wenigstens für Deutschland als zu kostspielig erwiesen hat.
Man schloss sich daher 3 ) in Stassfurt der Methode der Brom-gewinnung in den Salinen (Schönebeck, Artern, Neusalzwerke) an,welche in folgenden Operationen besteht. Die 35° B. starke, durchErkalten von Chlorcalcium möglichst befreite Carnallit-Mutterlaugewird durch weiteres Eindampfen auf 40° B concentrirt. (Nach Frankdarf man jedoch in der Concentration nicht so weit gehen, da in Folgeder theilweisen Ueberhitzung der Lauge am Pfannenhoden ein Verlustan Brom in Form von Bromwasserstoff unausbleiblich ist.) BeimErkalten bis 25° krystallisirt dann eine Menge Chlormagnesium(Mg Cl 2 + 6H 2 0) aus, und die nun bleibende Mutterlauge enthält
*) H. Chandler, Chem. News 1871. Nro. 586, 77. 2 ) L. Leisler,
Dingl. pol. J. CLXXIX, 386; Wagn. Jahrestier. 1866, 179. 8 ) F. Michel,
Wagn. Jahresber. 1867, 194.
Wiener Weltausstellung. HI. C)