208
Schlußbetrachtungen.
Länge nach durchzieht. An der Nordküste aber gab es zahlreiche für eineLandung geeignete Punkte. Die Türken hatten hier zwar den nächst Candiabesten Hafen, Canea, im Besitz und hielten auch einige kleinere Küstenplätzefest, aber nur mit schwachen Kräften. Eine Landung bot daher keine ernstenSchwierigkeiten, wohl aber große Vortheile. Die Landungstruppen vermochtenüberraschend und mit großer Wirkung anfzutreten. Wie wir wissen, lief dieeinzige Verbindungslinie des Türkischen Belagerungsheers vor Candia nachCanea 128 lcm weit fast unmittelbar am Meeresufer entlang.^) Ein hierplötzlich erscheinendes Venezianisches Heer hätte also diese Verbindung sofortunterbrochen, und die Türken wären unbedingt genöthigt gewesen, sich mitstarken Kräften dagegen zu wenden. Um ebensoviel aber mußten sie die Be-lagerung schwächen. Es kam daher für die Venezianer darauf an, die Lan-dungstruppen so stark wie möglich zu machen, am besten so stark, daß sievielleicht unter unmittelbarer Mitwirkung der Flotte zum Angriff auf dasTürkische Belagerungsheer übergehen konnten und dies so zwischen zweiFeuer brachten. Mehrfach sind Truppentransporte an der Nordküste Candiasentlang gefahren, die hierfür ausgereicht hätten. Man denke sich nur die imSommer 1669 anlangenden Hülfskräfte einschließlich der Französischen nacheinem einheitlichen Plane als Landungstruppe im freien Felde verwendet,anstatt sie in dem Hexenkessel von Candia einem langsamen aber sichernUntergange zu weihen, so war bei der verhältnißmäßigen Schwäche undKriegsunlust der Türken die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dem Kriege auchnoch zuletzt eine andere Wendung zu geben. Allein der Gedanke an einderartiges kühnes Unternehmen scheint den christlichen Führern in Candiaüberhaupt nicht gekommen zu sein. In den zahlreichen Berathungen, derenProtokolle uns erhalten sind, findet sich kaum eine Andeutung darüber; jeden-falls ist niemals auch nur der geringste ernstliche Versuch gemacht worden.Den Grund hierfür wird man nur zum Theil in dem Mangel au Unter-nehmungsgeist suchen dürfen; der Hauptsache nach beruhte er wohl in derbereits erwähnten Auffassung von der überwiegenden Bedeutung der Festungals solcher. Und in dieser glaubte man mit Vortheil Widerstand leisten zukönnen, ihr allein flössen daher alle Kräfte unmittelbar zu. Selbst die Flotteerscheint in der letzten Zeit des Krieges nur noch als ein Anhängsel derFestung. Ihrem Lebenselement, der Bewegung, gänzlich entzogen, lag sieunthätig auf der Rhede vor Candia; ihre Bemannung aber, sogar die Matrosen,mußten in der Festung auf den Wällen fechten. Der einzige Versuch, dievielen hundert schweren Schiffsgeschütze nutzbar zu machen, die große Kanonadevom 24. Juli 1669, scheiterte kläglich, weil er so ungeschickt wie möglich ein-geleitet wurde. Es war ein Parademanöver, das den Keim des Mißlingensin sich trug.
*) Um diese Entfernung abzukürzen, hatte ja der Großvezir im Frühjahr 1668 sicheinen naher gelegenen Ausschiffungspunkt bei San Pelagio schaffen wollen, ein Versuch,der durch die Seeschlacht bei Fodella vereitelt wurde.