Druckschrift 
Der Kampf um Candia in den Jahren 1667 - 1669
Entstehung
Seite
205
Einzelbild herunterladen
 

Schlußbetrachtungen.

205

dies kostspielige Instrument recht lange zu bewahren und es nicht in gewagtenUnternehmungen aufs Spiel zu setzen. Darum vermied man gern die offeneSchlacht, die viele Menschen kostete, und suchte durch Manöver, den kleinenKrieg oder durch Besetzung von feindlichem Gebiet dem Gegner zu schaden.Das in der Verteidigung befindliche Heer wählte verschanzte Stellungen,noch lieber starke Festungen, die den Gegner vom Angriff abschrecken oder ihnzu einer mühsamen und langwierigen Belagerung zwingen sollten. So wurdenicht die Vernichtung des feindlichen Heeres sondern der Besitz einesgeographischen Punktes: einer Stadt, einer Flußlinie oder auch einer Provinzzum notwendigen Ziel und Endzweck jedes Kampfes Europäischer Mächte.Es leuchtet ohne Weiteres ein, daß die Türken gegenüber dieser durch dieVerhältnisse bedingten Auffassung vom Kriege bedeutend im Vorthelle waren;ihre vorgeschrittene Heeresorganisation, ihre Rücksichtslosigkeit im Verbrauchvon Menschenleben, wofür sich ihnen stets unerschöpflicher Ersatz bot, ihreeinfache Finanzwirthschaft waren von vornherein ebenso viele Elemente derUeberlegenheit über Europäische Gegner.

Auch im Kampfe um die Insel Candia haben die festen Plätze von Anfangan eine wichtige ja sogar die entscheidende Rolle gespielt. Gleich im Beginndes Krieges war es die erste Sorge der Türken, sich einiger fester Stütz-punkte an der Küste zu bemächtigen, und erst nachdem ihnen das dank derUnthätigkeit der Venezianer gelungen war, setzten sie sich allmählich und vor-sichtig in den Besitz des Restes der Insel. Auch befestigten sie alsbald ihreAusschiffungsplätze, wozu sie gezwungen waren, weil sie nicht die Seeherrschaftbesaßen, die es dem Heere gestattet hätte, sich jederzeit und an jedem vonder See aus zugänglichen Orte auf die Flotte als unangreifbare Operations-basis zu stützen. Es gelang ihnen zwar, die schwächlichen Versuche ihresGegners abzuweisen, sie aus ihrer Stellung bei Canea zu vertreiben, aberihr eigener Versuch, sich dichter bei Candia in San Pelagio einen besserenund bequemeren Ausschiffungspunkt zu sichern, schlug fehl, weil die VenezianischeFlotte den Angriff auf Pelagio durch den Sieg bei Fodella vereitelte.Andererseits haben es die Venezianer niemals ernsthaft versucht, die Türkenwieder von der Insel zu vertreiben. Nicht ein einziges Mal treten sie ihnenim freien Felde entgegen, sondern sie beschränken sich von Anfang an zuLande lediglich auf den Festungskrieg, auf ein durchaus passives. Festhaltender ihnen verbliebenen Küstenplätze. Und doch ist es klar, daß der Kriegniemals zu einem glücklichen Ende geführt werden konnte, solange die TürkenHerren des größten Theils der Insel blieben. Es fragt sich freilich, ob dieRepublik überhaupt im Stande war, ihnen diesen Besitz wieder zu entreißen.Daß sich in den ersten Jahren des Krieges mehrfach eine günstige Gelegenheithierzu bot, wissen wir aus dessen Schilderung bis zum Jahre 1667.Die Türken hatten zeitweise, z. B. 1652 bis 1653 und 1666, so geringeKräfte auf der Insel, daß sie die Belagerung der Hauptstadt unterbrechenund sich selbst in Neu-Candia verschanzen mußten. Es hätte damals nur