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Schlußbetrachtungen.
in der Stadt kam es fast täglich zu Zank und Streit, wobei es meist blutigeKöpfe setzte.
Schlimmer noch war der Mangel an Einigkeit unter den Führern. Dieim Dienste der Republik stehenden Generale fremder Nationalität — und sieübertrafen an Zahl bei Weitem die geborenen Venezianer — hatten ihreJugend zumeist in den zügellosen Feldlagern des dreißigjährigen Kriegesverlebt und waren an Unterordnung wenig gewöhnt. Unweigerlicher Gehorsamund strenge Manneszucht galten damals überhaupt nicht als erste Soldaten-tugenden, dagegen machten sich übertriebenes Selbstbewußtsein, Prahlerei undTrotz in ungebührlichem Maße breit. Auch in Candia gab es fast täglichReibereien zwischen den Führern, weil keiner sich dem anderen unterordnenwollte, und viel Zeit und Mühe mußten verschwendet werden, um ungerecht-fertigte Ansprüche auszugleichen oder abzuweisen. Malteser und Venezianer,Spanier und Franzosen gönnten sich gegenseitig nicht das Geringste, ja sieließen um kleinlicher Fragen der Etikette willen Pflicht und soldatische Ehreim Stiche. Es machten sich hier eben alle Mängel des Koalitionskriegesmit seinen widerstreitenden Sonderinteressen fühlbar, es fehlte an einem festenGefüge der Streitkräfte und der zielbewnßten Einheit der Führung, die alleineine so schwierige Aufgabe zu einem glücklichen Ende hätten bringen können.Als sprechendes Beispiel hierfür haben wir das Verhalten der FranzösischenGenerale im Sommer 1669 kennen gelernt. Sie trieben Politik auf eigeneFaust, thaten, was ihnen beliebte, und kümmerten sich wenig um die RettungCandias. Morosini aber, der sonst wohl der Mann gewesen wäre, sie zurPflicht zu zwingen, blieb machtlos hiergegen, da ihm der Oberbefehl ent-zogen und in die schwachen Hände des Päpstlichen Admirals gelegt worden war.
Die bisher angeführten Gründe für den Fall Candias sind solche, diezu diesem Ereigniß die unmittelbare und mehr äußerliche örtliche Veranlassunggegeben haben. Sie erklären aber noch nicht ausreichend, warum mit demSchicksal der Festung auch die Entscheidung über den Ausgang des Kriegesverbunden sein mußte. War doch die Stadt Candia ursprünglich nicht daseigentliche Objekt; es handelte sich vielmehr um den Besitz der ganzen Insel,um die Vorherrschaft im östlichen Mittelmeerbecken. Aber wie in jedem Kriege,so waren es auch in diesem tiefer liegende umfassende Umstände, deren Ein-fluß entscheidend im Großen wirkte.
Zunächst sei hier einer Erscheinung gedacht, die der gesammten Krieg-führung der damaligen Zeit gemeinsam ist, und die sich nur aus einer von derheutigen verschiedenen und uns einseitig dünkenden Auffassung vom Wesendes Krieges erklären läßt. Nicht wie wir ihn heut kennen: als das gewaltige,alle Kräfte anspannende, bis zur Vernichtung gehende Ringen zweier Völkererschien der Krieg dem 17. Jahrhundert, sondern als eins unter den vielenMitteln der Politik, als eine Art Zweikampf, in dem man wohl den Gegnerbesiegen, sich selbst aber wenig schaden wollte. Die Schwierigkeiten bei derAufbringung und Erhaltung der Söldnerheere machten es unerläßlich, sich