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10. Ereignisse bei Candia im Sommer 1669.
der überhaupt zu den eifrigsten Verfechtern einer baldigen Heimkehr derFranzosen zählte und, wie es scheint, einen großen Einfluß auf Noaillesausübte. Er warf Morosini Unwahrheit und Wortbrüchigkeit vor; manhabe die Franzosen über den Zustand der Festung getäuscht, sie bei ihremAusfall am 24. Juni völlig im Stiche gelassen, und wenn die Venezianerjetzt versicherten, 3000 Mann zu dem geplanten Unternehmen stellen zu wollen,so könne sich Niemand auf ihr Versprechen verlassen. Es gelang Morosinizwar, sich zu rechtfertigen und durch seine Ruhe und Mäßigung dem Streitein Ende zu machen, als aber nun Brancacci den Herzog von Noaillesaufforderte, seinerseits die Zahl der Truppen zu nennen, die er zu dergeplanten Unternehmung stellen würde, lehnte der General eine Beantwortungdieser Frage entschieden ab. Er gab als Grund seiner Weigerung an, dieVerluste der Franzosen durch Gefechte und Krankheiten seien schon so groß,daß er die wenigen Ueberlebenden nicht mehr ohne Aussicht auf Erfolg aufsSpiel setzen dürfe. Verstärkungen aus Frankreich habe er aber nicht erhaltenund auch nicht zu erwarten, weil der Senat von Venedig durch seinenGesandten in Paris dem Könige Ludwig habe versichern lassen, in Candiastünden 14 000 Mann Infanterie, und die Fürsten von Deutschland, Italienund der König von Spanien hätten bedeutende Unterstützungen zugesagt.Diese falsche Angabe sei die Veranlassung für König Ludwig gewesen, eineArmee und eine Flotte nach Candia zu schicken, weil er geglaubt habe, derFestung könne überhaupt noch geholfen werden. Da aber alle anderenMächte ihre Zusagen und Verpflichtungen nicht erfüllt hätten, so sehe er(Noailles) nicht ein, warum Frankreich allein nutzlos Opfer bringen solle.*)
Infolge dieser Erklärungen mußte die weitere Berathung über eineSchlacht im freien Felde oder einen allgemeinen Ausfall abgebrochen werden.Brancacci ersuchte nun den Herzog, mit seinen Truppen, die in der letztenZeit fast gar keinen Dienst mehr gethan, wenigstens bei der Vertheidigungdes Abschnittes von San Andrea zu Helsen. Aber auch dies wies Noailleszurück, indem er sagte, er habe schon mehr als genug für die Festung gethan.
Um nichts unversucht zu lassen, stellte schließlich Brancacci noch zurErwägung, ob nicht mit der Flotte etwas unternommen werden könne.Hierauf erwiderte jedoch Noailles kürz, das sei Sache des Grafen vonVivonne. Und der Bevollmächtigte Vivonnes erklärte seinerseits, der Franzö-sische Admiral habe es ein für allemal abgelehnt, sich mit seinen Schissen anirgend einem Unternehmen zu betheiligen. Der Gencralkapitän beantragtenun noch, daß das Ergebniß der Berathung schriftlich niedergelegt würde,damit er sich dem Senat von Venedig gegenüber verantworten könnte. Aber
*) Cs hat in der That den Anschein, als ob der Venezianische Gesandte in Paris,auch ein Morosini, die Zustände in Candia in zn rosigem Lichte geschildert habe. In-dessen ist doch schwer einzusehen, inwiefern dieser Umstand den Herzog von Noailles von derVerpflichtung entlastete, den Befehl des Königs, nach Kräften zur Rettung der belagertenFestung beizutragen, auszuführen.