Druckschrift 
Der Kampf um Candia in den Jahren 1667 - 1669
Entstehung
Seite
186
Einzelbild herunterladen
 

186

10. Ereignisse bei Candia im Sommer 1669.

hätten die Venezianer selbst schon jede Hoffnung auf Rettung aufgegeben.Aus diesem Grunde wären auch alle Anstrengungen der Hülfskräfte außerStande, den schließlichen Ausgang der Sache länger als aus kurze Zeit hinaus-zuschieben. Demgegenüber behauptete Morosini, er habe stets die volleWahrheit über den traurigen Stand der Dinge nach Venedig berichtet. Erverzweifele aber durchaus noch nicht daran, den Platz bis zum Winter zuhalten, wenn nur überall der feste Wille dazu vorhanden und Jedermannrückhaltlos mitzuwirken bereit sei. Gelinge es, ungefährdet bis in den Winterhineinzukommen, so sei Aussicht auf weitere Rettung. Denn auch bei denTürken dränge die Lage zu einer Entscheidung. Die Janitscharen, überdrüssigder langen, blutigen und mühsamen Belagerung, drohten mit offener Empörung,und der Sultan habe geschworen, dem Großvezir den Kopf abschlagen zulassen, wenn er Candia bis zum Winter nicht einnehme.

So viel Richtiges und Zutreffendes diese Gründe des Generalkapitänsauch enthielten, so wenig waren die Franzosen geneigt, sie gelten zu lassen.Es wurde vielmehr von Tag zu Tag klarer, daß ihr ganzes Bestrebendarauf hinauslief, sich der übernommenen Verpflichtung sobald wie möglichzu entziehen. Die Gegensätze in den Anschauungen und Wünschen auf beidenSeiten traten schon bald nach der verunglückten Unternehmung vom 24. Julioffen hervor. Sie zeigten sich namentlich in dem Verhalten der FranzösischenFührer. So ließ der Graf von Vivonne gleich nach der Beschießung fast seineganze Flotte in verschiedene Buchten und Häfen der Insel Candia sich ver-theilen unter dem Vorgeben, die Luft bei Candia sei zu ungesund. Fernerverlangten die Französischen Führer bei den häufigen Streitigkeiten zwischenden Mannschaften der verschiedenen Nationen an Land stets die Bestrafungder Gegenpartei ohne Untersuchung. Auch forderten sie den Generalkapitänauf, indem sie sich auf einen angeblichen Befehl des Königs Ludwig XIV.beriefen, ihnen sämmtliche auf Venezianischen Schiffen dienenden Seeleuteoder Soldaten Französischer Herkunft auszuliefern, da der König nichtwünsche, daß seine Unterthanen fremde Dienste nähmen.

Ende Juli hielt es Rospigliosi für seine Pflicht als Oberbefehlshaber,theils um die allgemeine Mißstimmung zu bekämpfen, theils um den ewigenZwistigkeiten zwischen Franzosen und Venezianern wenigstens zeitweise einEnde zu machen, wiederum eine gemeinsame Unternehmung aller vorhandenenchristlichen Streitkräfte in Anregung zu bringen. Er schlug daher vor, sobaldwie möglich einen Kriegsrath nach Candia zu berufen und hierbei die nächstenVerhaltungsmaßregeln festzusetzen. Nach mehrfachen Verhandlungen wurdeauch eine Berathung auf den 31. Juli vereinbart, als sich aber am Tagevorher die Führer der drei Flotten gemeinsam in die Stadt begeben wollten,ließ Vivonne melden: eine heftige Kolik, die ihn plötzlich befallen habe, zwingeihn auf seinem Schiff zu bleiben. Hierdurch ^wurde der ganze Kriegsrathüberflüssig, denn es wäre Niemand zugegen gewesen, der die Verfügung überdie Streitkräfte der Franzosen zu See gehabt hätte. Es handelte sich aber