160 6. Die Belagerung von Candia im Jahre 1668.
dem er im Falle eines Mißlingens Gefahr lief, die Festung mit einem Schlagezu verlieren. Er weigerte sich daher entschieden, den Wunsch der Franzosenzu erfüllen. Feuillade erklärte darauf, dann werde er mit seinen Kavalierenallein den Ausfall unternehmen, nm den Venezianern zu beweisen, daß nurMuth und Entschlossenheit dazu gehöre, die Türken aus ihren Verschanzungenzu verjagen. Morosini ließ sich indeß durch die Prahlereien des Herzogs inseinem Entschluß nicht irre machen, ja, als die Franzosen auch die Malteser-ritter zur Theilnahme an dem Ausfall zu überreden suchten, verbot er diesenentschieden, die aussichtslose Unternehmung mitzumachen. Den Franzosenfreilich, die nunmehr einen Ehrenpunkt darin erblickten, ihren Willen durch-zusetzen, vermochte er ihr thörichtes Beginnen nicht auszureden.*)
Der Ausfall wurde daher in der That auf den 16. Dezember festgesetzt,und zwar sollte er gegen die Türkischen Verschanzungen bei Sabionera statt-finden, weil bei S. Andrea die Stärke der feindlichen Stellungen noch wenigerAussicht auf Erfolg bot. Um seinen guten Willen zu beweisen, gab Morosinihundert Grenadiere her, die auf den Flügeln der Französischen KolonnenVorgehen und diese gegen Umfassung schützen sollten. Auch ließ er schon amTage vorher die Werke der Ostfront der Festung mit zahlreichen schwerenGeschützen armiren, die den Ausfall durch ihr Feuer vorbereiten und unter-stützen sollten.
In der Nacht vom 15. zum 16. Dezember versammelten sich die 450noch kampffähigen Kavaliere auf dem Marktplatz, um die Befehle entgegen-zunehmen. Es wurden drei Kolonnen gebildet: Die erste bestand aus je35 Mann jeder Brigade (also zusammen 140) und wurde von dem Marquisde Chamilly, Sousbrigadier der 1. Brigade, kommandirt. Morosini hatteihm einen seiner eigenen Adjutanten, der mit der Oertlichkeit besonders derLage der feindlichen Verschanzungen vertrant war, als Führer beigegeben. Diezweite Kolonne bestand aus je 15 Mann jeder Brigade (also zusammen 60),unter dem Befehl des Sousbrigadiers der 1. Brigade de Beau-Chevilliers.Die dritte Kolonne zählte im Ganzen nur 40 Mann (nämlich 10 von jederBrigade) und wurde von dem Sousbrigadier der 4. Brigade, de St. Marcel,befehligt. Die Reserve setzte sich aus dem Nest sämmtlicher Brigaden in derStärke von etwa 200 Kavalieren zusammen unter dem Befehl des Chefs der1. Brigade, Grafen von St. Paul.
*) Einige Schriftsteller behaupten übrigens, daß auch noch ein anderer Grund alsbloße Ruhmsucht den Herzog von Feuillade bestimmt habe, aus dem Ausfall zu bestehen.Er hatte sich nämlich verpflichtet, die Hälfte des Soldes seiner Truppe aus eigener Taschezu bezahlen, also täglich etwa 300 Livres. Es scheint nun, daß ihm das Geld etwasknapp wurde, denn er versuchte an verschiedenen Stellen in Candia größere Summen zuborgen. Er sah wohl ein, daß er sein ganzes Vermögen werde opfern müssen, wenn dieAnwesenheit der Kavaliere in Candia, die er nur auf kurze Zeit für nothwendig erachtethatte, sich noch weiter in die Länge zöge. Soviel war ihm aber die Ehre in Candia zufechten nicht werth, und er suchte daher auf irgend eine Weise zu einem Ende zu kommen.