Druckschrift 
Der Kampf um Candia in den Jahren 1667 - 1669
Entstehung
Seite
116
Einzelbild herunterladen
 

116 1. Kurze Geschichte des Krieges um Candia bis zum Jahre 1667.

zu verhindern. Aus Mangel an Unterstützung mußten die VenezianischenSchiffe jedoch ihr Vorhaben aufgeben, und nun fuhren 80 Türkische Galeerennach Canea, während sich die Venezianische Flotte in der Bucht von Sudavereinigte. Keiner der beiden Gegner wagte es, sich dem anderen auf offenerSee zu stellen, bis der Winter auch in diesem Jahre allen kriegerischen Unter-nehmungen ein Ziel setzte. Doch hatten inzwischen auf der Insel die Türkendie Festung Rettimo erstürmt, während Suda noch widerstand.

Im folgenden Jahre (1647) erhielt Battista Grimani den Oberbefehlüber die Venezianische Seemacht. Es gelang ihm, in der Schlacht von Ne-groponte die Türkische Flotte zu schlagen und vollständig zu verjagen. Alser aber im Frühjahr 1648 sich bereit machte, den Feind in den Dardanellenanfzusuchen, zerstörte ein Sturm die meisten seiner Schiffe, und er selbst kamdabei um. Sein Nachfolger Bernardo Morosini sammelte jedoch schnell dieReste der Flotte und unternahm mit diesen von Neuem die Blockade derMeerenge. Sein Erscheinen dort in einem Augenblicke, wo man in Kon-stantinopel an den gänzlichen Untergang der Venezianischen Seemacht geglaubthatte, machte einen solchen Eindruck, daß der gegen ihn abgesandte Kapudan-Pascha,^) ohne den Durchbruch auch nur zu versuchen, mit der TürkischenFlotte nach Konstantinopel zurückkehrte, wofür ihn der Sultan köpfen ließ.Auf der Insel Candia war unterdessen von den Türken die Belagerung vonSuda fortgesetzt und die der Hauptstadt Candia begonnen worden.

Obgleich in den nächsten Jahren die Dardanellen die meiste Zeit durchdie Venezianischen Schiffe gesperrt waren, gelang es den Türken doch fort-während, Truppen aus den zahlreichen Häfen Kleinasiens, des Archipelagusund Griechenlands nach Candia zu schaffen, weil die Flolte der Republik zuschwach war, um alle diese Orte zugleich zu beobachten. So sehen wir denndas eigenthümliche Schauspiel, daß keiner der beiden Gegner im Stande ist,dem anderen den Zutritt zu dem Kriegsschauplatz zu verwehren, obgleich diesereine Insel war. Die Türken hielten Canea fest und landeten dort ihreTruppen und ihr Kriegsmaterial. Ein Gleiches thaten die Venezianer bei derFestung Candia, obwohl diese zu Lande seit dem Jahre 1648 bis zum Endedes Krieges von den Türken belagert oder beobachtet wurde.

Die Insel selbst war inzwischen fast ganz von den Türken in Besitz ge-nommen; es widerstanden ihnen außer der Hauptstadt nur noch die kleinenFestungen Sittich Suda, Garabusa und Spinalonga. Sie hielten etwa10 000 Mann auf der Insel, die auf Kosten des Landes lebten. Die größereHälfte davon lag vor Candia, der Rest stand in Canea und an einzelnenanderen Orten der Nordküste vertheilt. Die Reiterei befand sich in den gras-reichen Ebenen auf der Weide.

Im Frühjahr 1649 gelang es dem Kapudan-Pascha, mit 80 Schiffendie Sperre der Dardanellen zu durchbrechen. Der Venezianische Admiral

*) Kapudan-Pascha war der Titel des Oberbefehlshabers der Türkischen Flotte.