II. Der Angriff des Generals v. Schwartzkoppen.
51
zelnen Leute unterscheiden, doch nur für kurze Augenblicke. In unserem leb-haften Feuer kamen sie nur wenige Schritte vor, dann entzog der Pulverdampfsie wieder unseren Blicken."
Der Kampf hat den Höhepunkt erreicht. Schon beginnt die FranzösischeLinie zu wanken,*) noch ein kurzes Ausharren, und der gegen die Frontdes Regiments Nr. 16 geführte Stoß wäre zerschellt, aber in diesem Augen-blicke höchster, athemloser Spannung beginnt die doppelseitige Umfassungdes Feindes zu wirken: der rechte Preußische Flügel tritt den Rückzug an,während die ihm gegenüber ausgestellten Französischen Massen in dieSchlucht eindringen und westwärts in ihr Vorgehen. So berichtetHauptmann v. Lieres: „In den letzten Minuten, bevor wir den Höhen-rand aufgeben mußten, erhielten wir nicht unerhebliches Flankenfeuervon rechts. Beim Zurückgehen wendete ich mich auf dem Südrande derSchlucht noch einmal um. Ich sah die in Massen ans uns eingestürmtenFranzosen jetzt auf dem Nordrande und innerhalb des weiter östlichgelegenen Theiles der Schlucht, ihre nächsten Schützen nur 60 bis100 Schritte von mir entfernt." Bei der 7. Kompagnie erschallt, wieLieutenant Frieg mittheilt, der Ruf: „Der rechte Flügel bekommt Flanken-feuer!" Gleich darauf brechen die Hinteren Staffeln des Linien-RegimentsNr. 57 rechts überflügelnd über den Höhenrücken vor. Noch weiter rechtsvervollständigen das II. Bataillon des Linien-Regiments Nr. 13 und die3. Kompagnie des Jäger-Bataillons Nr. 5 die Umfassung nun auch deslinken Preußischen Flügels.**)
Den frischen Kräften des Feindes vermag Oberst v. Brixen keinen Mannmehr entgegenznsetzen; schweren Herzens läßt er das Signal zum Rückzugegeben, aber nur in nächster Nähe, bei der 7. und 8. Kompagnie, wird esvon Einzelnen vernommen. Der Kampf auf dem Höhenrande hat blutigeOpfer gefordert, dort liegt schwer verwundet Major v. Kalinowski, neben ihmder Regimentsadjntant, Premierlieutenant v. Arnim, tödlich getroffen, als erdie Höhe hinansprengte, um dem Regimentskommandeur die Ausführung einesAuftrages zu melden. Es sind ruhmvoll gefallen die Hauptlente v. Ascheradenund Mebes, Chefs der 10. und 2. Kompagnie. Der Führer der 3. Kompagnie,Premierlieutenant v. Nercke, wird verwundet. Die wenigen überlebendenOffiziere klammern sich mit der gelichteten Mannschaft an dem blutgetränktenBoden fest: da beginnen die umfaßten Flügel zu weichen, und so bröckelt dieGefechtslinie allmählich nach wahrhaft verzweifelter Gegenwehr gegen dieMitte hin ab. „Eine Wolke neuer Feinde"***) — so heißt es in den Auf-zeichnungen des Hanptmanns Schnitze über die letzten Augenblicke der Gegen-
*) Geschichte des Jäger-Bataillons Nr. 20, S. 27: „Nichts hielt den „Sinn" desBataillons auf, das durch sein Beispiel Jnfanterieabtheilungen mit sich fortriß, die bereits.geflohen waren."
**) Vergl. Anhang Nr. 30.
***) Vornehmlich das Linien-Regiment Nr. 57.
4 »