686
-Hohes Lied.
zart, natürlich. Jetzt feurig und wallend, ießtsehnend und habend, iin Genuß und im Schim-mer, in Pracht und Landeiufalt. Es ist fastkeine Situation und Wendung, keine Tagesund Iahrszeit, keine Abwechslung und Ein-kleidung, die nicht in diesem Liede, wenigstensals Knospe und Keim vorkäme. Die Liebe desMannes und Weibes, Iünglinges und Mäd-chens, vom ersten Kuß und Seufzer bis zurreifen ehelichen Treue — alles findet hier Ortund Stelle. Vom Schuh des Mädchens biszu seinem Kopfputz, vom Turban des Jüng-lings bis zu feinein Fußfchmuke, »akte Gestaltdes Körpers und Kleidung, Palast und Hütte,Garte und Feld, Straßen der Stadt und Ein-öde, Armuth undReichthum, Tanz uudKriegs-zug; alles ist erschöpft, alles gefühlt und genos-sen. In einem Dichter der Narur und Liebezeige man mir Eine Situation, die einfältig,wahr, rührend, menschlich sei: konnte sie zudieser Zeit, unter diesem Himmel gedeihen; sowill ich ihm gleich als Blume oder Blürhe einebessere in diesem Buche zeigen.
z. Nun weiß aber jedermann, daß nichtsin der Wett lange Erörterung so sehr hasset,als Liebe. Liebe in einen Folianten gebracht, istnicht Liebe mehr; Kuß und Seufzer zum Buchgestempelt, gieng längst, ehe er dahin kam,verlohren. Wie Nachtigall und Turteltaube,nur kurz, in abgesetztem Girren lind Klagen
singen:
s«
s
!