Von d. ftbrigen Tugenden u. Lafte/n. 253
nung einiges Gewicht geben follle, welche mir feinBeifall und feine Billigung empfiehlt. Und es kömmtdabei gar nicht darauf an, auf welchen Gegenftancler und ich unfre Gedanken anwenden. Wir mö-gen über eine gleichgültige Perfon oder über meineneignen Charakterurtheilen, meine Sympathie giehtfeiner Entfcheidung immer gleiche Kraft: und felbltfeine Meinungen von feinem eignen Verdienft ma-chen, dafs ich ihn in demfelben Lichte fehe, inwelchem er fich felbft betrachtet.
Diefes Princip der Sympathie ift von fomächtiger und einnehmender Natur, dafs es an denmehreften unfrer Empfindungen und LeidenfchaftenTheil hat, und dafs es fogar oft da wirkt, wo ge-rade das Gegentheil ftatt zu haben fcheint. Dennes ift merkwürdig, dafs wenn fich mir ein Menfchin einem Stücke widerfetzt, worauf ich fehr vielhalte und meine Leidenfchaft durch feinen Wider-fprucli reizt, dafs ich alsdann fchon allemal einenGrad von Sympathie mit ihm habe, und dafs meineGemüthsbewegung aus keiner andern Quellekömmt.Wir bemerken hier einen offenbaren Streit oder einGegeneinanderftofsen einander entgegengefetzterPrincipien und Leidenfchaften. Auf der einen Sei-te ift diejenige Leidenfchaft oder Empfindung, diemir natürlich ift; und es ift zu merken, dafs jeftrenger diefe Leidenfchaft ift, defto gröfser ift dieGemüthsbewegung. Es mufs alfo eine Leidenfchaftoder Bewegung auf der andern Seite feyn; und die-fe Leidenfchaft kann nirgends herrühren, als von
der