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Neunzigster Brief.
« gibt eine Zeit, in der uns Gott uns selbst sehen und füh-len läßt; und wieder eine andere Zeit, in der er uns se-hen und empfinden läßt, was er in uns ist und thut;und wiederum eine Zeit, in der er seinen Weg und seinWerk zu unsrer Reinigung gänzlich vor uns verborgenhält.
Werthe Schwester!
Nach dem Innern lebe ich so auf Gottes Gnade hin.Ich darf nichts wollen und nichts machen, und muß,Gott mit mir schalten lassend, zufrieden sein. Alles Hin-blicken auf mich selbst macht mich verwirrt, oder ich müßtevom Herrn darauf gebracht werden. Es ist sonderbar,daß man so vernichtet und elend sein, und doch so sehrauf Gott vertrauen kann. O das gute Wesen! O diesewahrhafte Güte! Uns liebend sieht er nicht auf das Un-srige, und ihn liebend will er auch, daß wir uns ganzvergessen sollen. Er ist das Ganze, was uns ruhig undselig macht. Zu einer Zeit läßt er uns uns selbst sehenund fühlen, und wieder zur andern Zeit läßt er uns se-hen und empfinden, was er uns ist und in uns verrich-tet. Aber zu seiner Zeit auch verbirgt er seinen Weg undsein Werk in und über uns unserm Blicke, um uns ein-fältig zu machen, uns zu säubern und uns nur auf ihnschauend zu machen und uns zum gänzlichen Hingcben inseine Hände zu führen. Wir haben nichts Anderes zuthun, als ihm nur zu folgen, nach dem Erforderniß unserSZustandes und seinem Schalten mit uns ihm nachzugeben;und selbst dieses muß er uns erst lehren und verleihen.Ich, liebe Schwester, muß beinahe täglich noch kämpfenund überwinden zum Beweise, daß ich noch lange nichttobt bin. Das heißt: wenn ich reden, schreiben, Besuche