124 Geistliche Briefe.
Ihr denket: man wüßte euren Zustandnicht; man hätte bessere Gedanken von euch,als es in der That wäre: allein solches isteine kleine Versuchung, und ein Mangeleines einfältigen Glaubens. Ich aber sage >euch: Ihr wisset selbst euren Zustand nicht,und ihr habt schlimmere Gedanken von euch,als es in der That ist. Doch ist es auchnicht nöthig, daß ihr viel von euch und euremZustande wisset. Es wäre besser, daß ihrund ich uns selbst gar nicht mehr wüßten.Deßwegen urtheilet gar nicht von euch selbst,denn ihr seyd im Finstern; glaubet aberdenen, die ihr wisset, daß euch nicht gernsollten flattiren noch betrügen wollen, wennihr gleich das Gegentheil in euch möch-tet meynen zu fühlen von dem, was maneuch sagt.
Ich weiß es in etwa, liebe Schwester,was es iss, GOttes Heiligkeit und Reinig-keit so kräftig einzusehen, auch einige innigeund aufrichtige Begierde nach der Heiligkeitin sich hegen, und bei dem allen doch nichtsals Sünde und Eigenheit in sich zu sehenund zu fühlen. Ach! man sollte sich ja wohlin die Erde verkriechen wollen vor sich selbst,und die Natur sollte es auch wohl vor GOttthun wollen, und erführet ein klein wenigvon der Noth derjenigen, die da ausrufenwerden: Ihr Berge fallet über uns, und ihrHügel bedecket uns, vor dem AngesichteGOttes, rc.
Ich