Druckschrift 
2 (1815)
Entstehung
Seite
71
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Der B e s u ch

Meine Liebste wollt' ich heut beschleichen.Aber ihre Thüre war verschlossen.

Hab' ich doch den Schlüssel in der Tasche!

' Oeffn' ich leise die geliebte Thüre!

Auf dem Saale fand ich nicht das Mädchen,Fand das Mädchen nicht in ihrer Stube,

Endlich da ich leis die Kammer öffne.

Find' ich sie gar zierlich eingeschlafen.Angekleidet, auf dem Sopha liegen.

Be» der Arbeit war sie eingeschlafen;

Das Gestrickte mit den Nadeln ruhteZwischen den gefaltnen zarten Händen;

Und ich setzte mich an ihre Seite,

Ging bep mir zu Rath', ob ich sie weckte.

Da betrachtet' ich den schönen Frieden,

Der auf ihren Augenliedern ruhte:

Auf den Lippen war die stille Treue,

Auf den Wangen Lieblichkeit zu Hause,

Und die Unschuld eines guten Herzensi Regte sich im Busen hin und wieder.

Jedes ihrer Glieder lag gefälligAufgelöst von süßen Götterbalsam.

Freudig saß ich da, und die BetrachtungHielte die Begierde, sie zu wecken.

Mit geheimen Banden fest und fester.

O du Liebe, dacht' ich, kann der Schlummer,^ Der Verrälher jedes falschen Auges,

Kann er dir nicht schaden, nickts entdecken,

Was des Freundes zarte Meinung störte.

Deine holden Augen sind geschloffen.

Die mich offen schon allein bezaubern;

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