Druckschrift 
7,1 (1886) Reinlichkeit - Schiller
Entstehung
Seite
943
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Schiller.

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der Auffassung stört und, dem natürlichen Fortschritte der jugendlichen Entwicklung vor-greifend, an die Stelle unbefangenen und begeisterten Genicßens leicht ein dünkelhaftesAbsprechen treten läßt. Aus ähnlichen Gründen fallen die philosophischen SchriftenSchillers, von welchen vor allen die über die ästhetische Erziehung und über naive undsentimentalische Dichtkunst Muster einer im edelsten Sinne populären wissenschaftlichenDarstellung sind, jenseits der Grenzen der Schulbildung, wiewohl namentlich aus derletztgenannten Abhandlung gelegentlich zur Charakterisierung der verschiedenen Dichtungs-arten und Dichter gar manches mit Nutzen wird herbeigezogen werden können. Dagegenwerden wir unsere Jugend des formellen und materiellen Gewinnes nicht berauben wollen,welchen sie aus der Lektüre der historischen Schriften unseres Dichters, deren umfang-reichste zugleich mit seinem poetischen Schaffen in einer so nahen Verbindung stehen,trotz der Mängel derselben fortwährend ziehen kann. Wenn der Lehrer auf diese letz-teren einfach aufmerksam macht, so wird der Kritik, welche in neuerer Zeit teils mit hoch-mütiger Mäkelei, teils aus offenbarem Parteiinteresse ihr unbedingtes Verwerfungsurteilüber Schiller als Historiker ausgesprochen hat, das ihr gebührende Recht hinlänglich ge-wahrt sein. Daß Schiller die Aufgabe des Historikers mit einer für die damalige Zeit,in welcher in deutschen Geschichtswerken kaum die ersten Anfänge der historischen Kunstsich zeigten, bewunderungswürdigen Umsicht, Klarheit und Schärfe erkannt hatte, wennihm selbst auch zur Lösung dieser Aufgabe manche äußere und innere Voraussetzungfehlt, das hat er in seiner akademischen Antrittsrede über Methode und Aufgabe derUniversalgeschichte auf eine auch einem tüchtigen Primaner verständliche und einleuchtendeWeise bewiesen. Ist aber erst in der Jugend die Liebe zu dem Dichter geweckt, sowird auch der Manu sich freuen, in diejenigen seiner Werke sich zu vertiefen, derenVerständnis und Genuß der Reife des männlichen Geistes Vorbehalten bleibt: er wirdsich durch Schillers leider viel zu wenig gelesene philosophische Schriften und durch seineunvergleichlichen Briefe gerne zum volleren Verständnisse der Dichtungen zurückführenlassen, welchen schon die Begeisterung seiner Jugend gegolten hat. Auf solche Weiseseinen Schülern Schiller zu einem Begleiter durch das Leben zu machen, ist eine dank-bare Aufgabe für einen Lehrer, der selbst für den herrlichen Dichter ein warmes Herzhat. Und wenn es richtig ist, was Schiller selbst sagt, daß dem Menschen unter derJndulgenz des Geschmacks und unter der überwältigenden Masse wechselnder äußererEindrücke die energische Schönheit Bedürfnis ist, so ist es wahrlich in unserer Zeit Pflichtder Schule, im Gebiete der Dichtkunst nicht von der Mode nur immer das Neueste sichdarbieten zu lassen, um daran den Schönheitssinn der Jugend zu üben, sondern dieseimmer und immer wider zu den edeln und großen Schöpfungen unserer klassischen Li-teratur zurückzuführen, damit sie vor der modernen Erschlaffung und Zerfahrenheit be-wahrt werden, und sie namentlich durch die energische Schönheit der DichtungenSchillers in dem wirksamen Glauben an die Ideale zu erhalten, in welchen der Wertdes Lebens beruht. G- Baur.