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Vives.
Gesellschaft gepflegten Übel des Hochmutes, der Habgier, der Herrschsucht, der Streit-sucht u. s. w. mittelst einer reinen, vom Einfluß der Verführung und des Vorurteilsmöglichst abgeschnittenen Erziehung so offenbar vorherrschend, daß sich die Ähnlichkeit mitRousseau, wenn man den Unterschied der Jahrhunderte bedenkt, nicht verkennen läßt.Mit Locke verbindet Vives die unbedingte Durchführung desNützlichkeitsprincips.Locke will ferner das Französische durch beständiges Reden, ohne Gebrauch der Grammatikerlernen lassen; Vives hatte schon gelehrt, daß für die neueren Sprachen gar keineGrammatik notwendig sei; man lerne sie am besten aus dem Gebrauch. Nun soll abernach Locke auch das Lateinische, so weit irgend möglich auf dieselbe Weise, oder ausBüchern durch Interlinearübersetzungen gelernt werden. Diesen Schritt konnte Vivesdeshalb nicht thun, weil er der Ansicht war, das Latein würde bei solcher Behandlungseinen Charakter als Universalsprache einbüßen. Die Grammatik und die Sorge fürmustergültige Aussprache sollen eben die Universalität des Latein sichern und verhüten,daß ein besonderes Latein der Engländer, der Spanier rc. entstände, was hinsichtlich derAussprache ja bekanntlich geschehen ist. Man nehme nun Vives dies Princip der Uni-versalsprache, und es wird aus seinen eigenen Hauptgrundsätzcn folgen, was die Neuererim Wechsel der Jahrhunderte thatsächlich gefolgert haben. Als das Lateinreden au Be-deutung verlor, während das Latein als allgemeine Büchersprache noch großenteils seinenRang behauptete, trat Ratich auf und begann mit dem Hineinlesen in einen Schriftsteller:eine Methode, welche bei guter Durchführung ohne Zweifel in ihrer Art Bedeutendesleisten kann. Comenius zog die nach Materien geordneten, alle möglichen Gegenständeumfassenden Kollektaneenbücher in den Mittelpunkt des Unterrichts, indem er aus ihnendie llanua und den Orbis xiotus entwickelte. Als das Latein noch weiter hinter denneueren Sprachen zurückblieb und insbesondere die Wissenschaften alle weit über denPunkt hinausgeführt waren, an welchem das Lesen der Alten noch die Realkenntnissefördern konnte, da mußte auch nach Vives' eigenen Grundsätzen das Latein an Bedeutungsehr verlieren und entweder bescheiden in den Hintergrund treten (Locke) oder ganz ausder gewöhnlichen Erziehung verschwinden (Rousseau).
Selbstverständlich nehmen wir bei der Mehrzahl dieser Wandlungen keine unmittel-bare und bewußte Anknüpfung der Nachfolger an Vives an. Es ist dies auch durchausnicht erforderlich, um seine centrale Stellung in der Geschichte der Pädagogik, am wich-tigsten Wendepunkt zwischen Mittelalter und Neuzeit, zu kennzeichnen. Raumer hat inseiner Geschichte der Pädagogik Franz Bacon einen wichtigen Platz eingeräumt wegen dermittelbaren Wirkung der von ihm verbreiteten Anschauungen auf die Pädagogik derneueren Zeit. Bei Vives liegen die Keime der Baconschen Weltanschauung offen vor undmit der mittelbaren Wirkung seiner Ansichten auf die Pädagogik verbindet sich eine un-mittelbare Förderung derselben durch eins der durchdachtesten Systeme, welche uns dieGeschichte der Pädagogik überhaupt darbietet. Wiewol Humanist und Rhetoriker, drängter doch init dem ganzen Gewicht seiner eindringlichen Lehren, rvie mit der ganzen Schärfeseiner Kritik nach selbständiger Weiterführung der Wissenschaften durch die christlichenVölker und nach Förderung der Sachkenntnis durch vorurteilsfreie, von keiner Autoritätgeblendete Forschung. Was ihm mangelt, das ist gerade jenes tiefere Verständnis desklassischen Altertums, welches in Deutschland erst im 18 . Jahrhundert zum vollen Durch-bruch kam, während eine Ahnung des Richtigen die besten Schulmänner Deutschlands,wie namentlich auch Englands, schon im 16 . Jahrhundert zur Bevorzugung der Dichter,des Griechischen und vor allen Dingen des Homer geleitet hat. Was ihn auszeichnet,ist die tiefe Wahlverwandtschaft seines Geistes gerade zu der neueren Entwickelung derPädagogik und des Studienwesens. Die merkwürdige Schärfe seines kritischen Verstandes,die Kühnheit seines Urteils stützen sich auf einen Geist, der sich durch keine Autorität,durch keine Überlieferung blenden läßt, weil er alle irdische Größe und alles menschlicheAnsehen für gering achtet gegenüber dem Göttlichen und Ewigen, das uns in derSchöpfung Gottes, wie in der Offenbarung, entgegentritt. So wird gerade die höchste