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9 (1887) Spanien - Vives
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Vives.

daß der Nachahmer zugleich Sachkenntnisse haben muffe, um unabhängig schaffen zu können,daß Form und Inhalt in Harmonie stehen, leere Phrasen vermieden werden sollen unddaß es schließlich nicht sowol darauf ankomme, die äußere Erscheinung des Vorbildes invöllig gleichen Zügen widerzugeben, als vielmehr den Kunststil des Vorbildes in einemveränderten Gegenstände zur Geltung zu bringen. Es ist aber gewiß nicht richtig, wennKückelhahn gerade diese hohe Forderung als das Wesen dessen darstellt, was Sturm unterdemVerbergen" der Nachahmung verstand; wenigstens paßt es sehr schlecht dazu, wennSturm im zweitfolgenden Kapitel damit beginnt:Oooultauäi vsro moäus in tribimeonsistit, uääitions, ablations, mutations", worauf dann eine technische Ausführungkommt, welche zeigt, daß in der Anwendung dieser Kunstgriffe offenbar vom Wortlautder nachzuahmeuden Stelle ausgegangen wurde. Ohne Zweifel ist dies auch das gewöhn-liche Verfahren in der Schule gewesen (vgl. die bei Kückelhahn S. 124 erwähnten Klagen),und wenn auch die Lehrer gern ein höheres und freieres Verfahren gesehen hätten, so istdoch kaum zu bezweifeln, daß die Schüler zu dem mehr mechanischen Verfahren eine Artvon Anleitung erhielten, die sie nur zu gut begriffen, während ihnen die höheren Forde-rungen bloßer Schall blieben. In Sturms Lehre von der imitativ scheint also eineZweideutigkeit zu liegen. Er stellt, Vives folgend, hohe Anforderungen, denen doch seineeigene Schulmethode, wie sie praktisch geübt wird, nicht entspricht und, seines einseitigenCiceronianismus wegen, auch nicht entsprechen kann. Ohne Zweifel steht es bis zu einemgewissen Grade ähnlich, wenn auch weniger schlimm, mit Sturms Realismus. Auch hierist die Theorie, wie sie Kückelhahn aus Sturms Schriften entwickelt, ganz diejenige vonVives: die Schriftsteller werden um ihres Inhaltes willen gelesen; rednerischer Schmuckohne Sachkenntnis ist ein Unding. In der Praxis aber mußte Sturms unablässigesStreben nach ciceronianischer Eleganz notwendig das Übergewicht auf die formale undverbale Seite hindrängen.

Übrigens ist Sturms Streben nach Eleganz des Ausdrucks für die deutsche Schulenicht verloren gegangen; denn als die lateinische Staats- und Gelehrtensprache, vonwelcher Sturm sowol wie Vives ausgiengen, von den modernen Sprachen beseitigtwurde, da war es vor allen Dingen die ästhetische Seite der Altertumsstudien, durchwelche sich diese frisch und wirksam erhielten, und es ist daher kein Zufall, daß man inDeutschland im 18 . Jahrhundert, während gleichzeitig die große Epoche unserer Litteratursich vorbereitete, auf den Gymnasien an die Sturmschen Grundsätze wider anknüpfte.Noch wichtiger ist in dieser Beziehung seine Vorliebe für das Griechische neben demLateinischen, insbesondere für Homer. Die Hochschätzung des Homer und die energischeEntwickelung der erotematischen Methode, von der sich bei Vives nur schwache Anfängefinden, sind zwei Punkte, in welchen Sturms Pädagogik hoch über Vives und seinenTheorieen steht, wenn auch Sturm sich der wahren Gründe für die Zweckmäßigkeit seinesThuns weit weniger bewußt war, als Vives. Der letztere dagegen steht in seinemRealismus, zumal in seiner Lehre von den Naturwissenschaften, der Mathematik undMedizin wider hoch über Sturm, der für Vives' bahnbrechende Idee des Selbstdenkensund der erneuerten induktiven Forschung gar kein Verständnis hat. Was namentlich dieBehandlung des Aristoteles betrifft, so wollen wir hier nicht erörtern, ob Sturm undMelanchthon den deutschen Schulen einen Dienst damit erwiesen haben, daß sie gegen-über der einseitigen Verwerfung des Aristoteles durch die platonisierenden Humanisten diemethodischen Vorzüge des Aristoteles wider zur Geltung brachten und ihn, geläutert vonmittelalterlicher Entstellung, in die Schulen zurückführten. Vives stand, wie wir gesehenhaben, in seinem Verhältnis zu Aristoteles auf einem ungleich höheren Standpunkt undeilte in seinem Urteil Uber die wahren Mittel, die Naturwissenschaften zu fördern, seinemJahrhundert soweit voran, daß man über die Differenz staunen muß, wenn danebenSturm seinemPhysiker", Johannes Bruno (aoaä. exist. S. 278 ff.. Ilallbauor),nichts zu empfehlen weiß, als die sorgfältige Auslegung des Aristoteles mit allen un-fruchtbaren Spitzfindigkeiten seiner Methode, oder wenn man sieht, daß das ganze Stu-