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9 (1887) Spanien - Vives
Entstehung
Seite
843
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Vives' Bedeutung für die Geschichte der Pädagogik besteht vor allen Dingen darin,daß sich in ihm die gesamte Gegenwirkung der beginnenden Neuzeit gegen die pädago-gischen Misbräuche des späteren Mittelalters sammelt und daß sich bei ihm in gleicherWeise die Keime der wichtigsten Reformen von Sturm bis auf Rousseau hinab vereinigtund in ein Ganzes verschmolzen finden. Was zunächst das Verhältnis der Jesuitenzu Vives betrifft, so wollen wir nicht unerwähnt lassen, daß der Stifter des Ordens,Loyola, mit Vives persönlich bekannt gewesen sein soll. In einemLebendes heiligenIgnatius v. Loyola" von Pater Genelli, Priester der Gesellschaft Jesu, Innsbruck 1848,,wird (S. 98) ohne Quellenangabe folgendes erwähnt:Ignaz hatte in Brügge einen

Wolthäter, welcher Ludwig Vives hieß und ein unterrichteter Mann war. Mit ihmführte er vertrauliche Gespräche, in denen er vielleicht von seiner Absicht manches hattemerken lassen, denn Vives sagte einst zu seinen Bekannten: Dieser Mann ist ein Heiliger,der gewiß einen Orden stiften wird". Ungefähr das Gleiche erzählt der italienischeBiograph Mariani (Roma 1842) mit dein Bemerken, Ignaz habe diese prophetischenWorte von Vives wider erfahren und habe die Sache später selbst dem Giovanni Palancoerzählt. Vom Inhalt dieser angeblichen Äußerung abgesehen ist die Berührung beiderMänner durchaus nicht unwahrscheinlich. Ribadeneira erzählt in seinem Leben Loyalas,derselbe sei während seiner Studienzeit zu Paris (152834) alljährlich nach Brüggegekoinmen, um dort bei seinen Landsleuten zu betteln, und Garcia fügt hinzu, Viveshabe ihn bei einer solchen Gelegenheit zum Frühstück eingeladen (vgl. Majans, I. S. 70).So himmelweit nun auch die Unterdrückungswut der Jesuiten entfernt ist von der Duldungund der Friedensliebe unseres Vives und so sonderbar der halb wahnsinnige Schwärmersich neben einem Manne von so nüchternem Urteil und so schneidender Kritik ausnehmenmochte, so fehlte es doch auch nicht an Berührungspunkten. Vives sehnte sick, gleichLoyola, nach Herstellung der Glaubenseinheit, und der letztere wird damals schwerlichetwas anderes entwickelt haben, als die Absicht, das Ziel mit rein geistigen Mitteln zuerreichen. Seine Weltverachtung und die Sammlung aller seiner Kräfte für einenreligiösen Zweck mußten auf Vives notwendig Eindruck machen. Dazu kommt, daßLoyola damals nach Kräften bemüht war, die Wissenschaften zu bewältigen, um sie inden Dienst seines Unternehmens zu ziehen; daß er also von vorn herein auf einem ganzanderen Boden stand, als jene Mönchspartei, welche Erasmus und Vives einst so eifrigbekäinpft hatten. Loyola seinerseits dürfte von Vives gerade in dieser Richtung einemächtige Anregung mit fortgenommen haben. Die Zeit jenes Verkehrs, von dem wirübrigens nicht wissen, wie weit er sich erstreckt hat, fällt ungefähr zusammen mit Vives'Arbeit an den Bücherncks äisoipliuis", und es ist daher fast selbstverständlich, daßLoyola diese kannte, wie übrigens auch von seinen Mitarbeitern und Nachfolgern voraus-gesetzt werden muß, daß ihnen ein so bedeutendes Werk nicht unbekannt bleiben konnte.Vergleicht man die ganze Anlage des Jesuitenordens mit derjenigen anderer Orden, sokann man nicht uinhin, die hervorragende Bedeutung, welche in ihm das Erziehungswesengewonnen hat, als einen der wesentlichsten Charakterzüge anzuerkennen. Dieser Ordenwar nicht nur ein Unternehmer von Schulen, sondern seine ganze Organisation war ge-wissermaßen auf die Schulen gebaut (vgl. d. Art.Jesuiten", bes. III, 811 u. 835).Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, daß Vives' Plan einer Akademie, wie wir ihn obengeschildert haben, hier seinen Einfluß geübt hat; nur daß die Jesuiten alles in Zwangverkehren, was bei Vives auf Freiheit gegründet ist. Der Gedanke einer religiös-sittlichenReform der Gesellschaft durch Erziehung, und zwar durch eine Körperschaft, welche dieErziehung der leitenden, einflußreichen und hervorragenden Persönlichkeiten eines Landesan sich zieht und ihnen ihre Grundsätze einprägt, ist Vives und den Jesuiten durchausgemeinsam. Daran schließen sich folgende einzelne Züge, welche die Pädagogik der Jesuitenvon Vives entlehnt zu haben scheint: 1) Die Begründung der Zucht auf das Ansehender Anstalt und die Würde der Personen, wobei hinter den Lehrern noch die vonallen verehrten Greise stehen, die schon als bloße Zuschauer ihren Einfluß üben; ferner