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Vives.
so unvollkommen es wegen der natürlichen Schwäche des menschlichen Verstandes auchbleiben muß, ist dennoch ein höchst wichtiges Gebiet, weil es bei richtiger Pflege zu Gottführt und dem menschlichen Geist die höchsten und reinsten Freuden gewährt. Älles, wasGott geschaffen hat, ist an sich gut und wert, von uns erforscht zu werden, aber dieStreitsucht, Eitelkeit und Trägheit der Menschen, verbunden mit niedriger Selbstsucht,haben ganze Gebiete eines nichtigen, wo nicht gefährlichen Scheinwissens geschaffen, währendman Wissenschaften, die von größtem Nutzen sind, wie z. B. die mathematischen und dieNaturwissenschaften, gänzlich brach liegen ließ, weil sie dem Schulstreit und Meinungs-gezänk und dem Prunk mit hochtönenden Worten keine Nahrung geben. Auf anderenGebieten, wie z. B. in der historischen Überlieferung, ist eine solche Menge von Un-wahrem und Unnützem angehäuft, daß es schwer ist, wider auf einen reinen Boden zukommen. Hier gilt es also überall, den Pfad des bloßen Nachsprechens und Disputierenszu verlassen und mit einem freien und unbestechlichen Urteil an die Dinge heranzutreten.Historische Kritik, eigene Anschauung und Erfahrung und eine vereinfachte, von allen Spitz-findigkeiten und Streitfragen befreite Logik müssen uns dazu verhelfen.
Auch diesem Zweck muß die Erziehung dienen. Soll aber das große Werk inmittender allgemeinen Verderbnis gelingen, so bedarf es dazu besonderer Anstalten, welche fernvom Geräusch und den Zerstreuungen des alltäglichen Treibens, ganz zu einer stillen undgeweihten Stätte der Studien eingerichtet sind. Die ideale Akademie, welche Vives fürdiesen Zweck im Auge hat, umfaßte alle Altersstufen vom eben eintretenden Knaben- biszum höchsten Greisenalter. In ihr finden Forscher und stille Freunde der Wissenschaftenein ruhiges Asyl; in ihr werden Männer vorbereitet, welche bestimmt sind, im Leben ihreRolle zu spielen und auf die menschliche Gesellschaft veredelnd einzuwirken. Die erziehendeKraft dieser Anstalt beruht vor allen Dingen auf dem bedeutsamen Eindruck ihrer Ein-richtungen und Personen. Strafen sind selten und human, aber zugleich ernst und gerecht.Die Gesundheit des Körpers als Bedingung ungehemmter Thätigkeit des Geistes findetsorgsame Pflege. Leibesübungen und Spiele werden jedem Alter nach seiner Art »er-stattet. Eine sorgfältige Prüfung der Köpfe bringt jeden an dasjenige Studium heran,wozu er besonders geeignet erscheint. Alle pädagogischen Maßregeln werden psychologischberechnet und der Eigenart wie der Altersstufe möglichst angepaßt. Durch euren gutenmethodischen Unterricht wird der Fortschritt gesichert und die Freude am Lernen erregtund gesteigert. So wirkt die Akademie, wie ein Bauin, der aus dem Boden des Gemein-wesens hervorwächst, scheinbar ein gesondertes Dasein führt, aber seine reifen und zu-träglichen Früchte wider an das Gemeinwesen abgiebt. Ein Geist echter Frömmigkeitwaltet über dem Ganzen und die hier gebildeten Persönlichkeiten sind geeignet, ihn überdas ganze Land zu verbreiten.
Wir geben hier nur kurz den Kern des Ganzen. Die zahlreichen Lehrer zur Di-daktik, über Wert und Behandlung der einzelnen Fächer, Wahl der Schriftsteller, Methodeu. s. w., welche auf viele spätere Pädagogen anregend und fördernd gewirkt haben, lassensich teils leicht aus den von Vives festgehaltenen Grundlehren ableiten, teils ruhen sieauch an sich auf gesundem Urteil oder bewährter Überlieferung und fügen sich hier nunungezwungen in den Rahmen des Systems. Eine große Menge von Ansichten und Ein-richtungen namhafter Pädagogen, die man oft schlechthin als originell betrachtet, läßt sichauf Vives zurückfuhren; manche davon freilich auch weiter, auf die italienischen Pädagogender Renaissance oder auf Quintilian, der auf die Didaktik der Humanisten überhauptbedeutenden Einfluß geübt hat. Was Vives' pädagogisches System betrifft, so hat esallerdings keine Schule gebildet, keine unbedingten Anhänger gefunden, aber der großeEinfluß, welchen Vives nachweisbar geübt hat, beruht eben doch zum Teil auf derWirkung des kraftvollen und selbständigen Geistes, welcher in so geschlossener Form undso festen Zügen dem Leser entgegentritt. Die Nachfolger eignen sich nur Teile an, alleinsie sind vielleicht doch durch das Ganze bewegt und ergriffen worden.