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Vives.
gerichtet. Zügellosigkeit macht den Mann schlechter, das Weib aber verbrecherisch. DieseAnsicht hängt mit der Meinung zusammen, daß das Weib von Natur mehr zu Leichtsinnund Wollust geneigt sei, als der Mann.*) Von der gleichen Anschauung sind natürlichauch die besonderen Regeln bedingt, welche Vives im ersten Buche über die Erziehungder Mädchen aufstellt. Da soll z. B. schon bei den ersten Kinderspielen eine strengeTrennung der Geschlechter durchgeführt werden. Puppen werden den Mädchen verboten,weil sie Eitelkeit und Putzsucht nähren; dagegen seien Spielsachen, welche allerlei Gegen-stände der Haushaltung darstellen, empfehlenswert. Ausführlich begründet Vives dieNotwendigkeit der Handarbeiten für alle Mädchen, auch für Fürstentöchter. Nichtminder empfiehlt er die Kochkunst, indem er z. B. das Wirtshausleben der Belgierhauptsächlich dem Umstande zuschreibt, daß ihre Frauen in der Zubereitung der Speisenzu sorglos und nachlässig seien. Der Unterricht der Mädchen muß nach Vivesungleich sorgfältiger behandelt werden, als bisher; ja, er will bei denjenigen, welche dazuimstande sind, wie bei den Männern, der Fortbildung kein Ziel setzen; immerhin mitder großen Schranke, daß das ganze Studium der Mädchen und Frauen ausschließlichsittliche Zwecke verfolgen und sich also auf ethisch bildende und anregende Schriftstellerbeschränken soll. Auch soll die Frau lediglich für sich selbst lernen, nicht, wie der Mann,für das allgemeine Wol; denn lehrend aufzutreten paßt nicht zur Weiblichkeit; nur derUnterricht der eigenen Kinder und allenfalls jüngerer Schwestern macht eine Ausnahme.Än der Öffentlichkeit und unter Männern geziemt den Frauen zu schweigen.
Betrachten wir nunmehr Vives' Pädagogik im ganzen, so müssen wir ihr zunächst,ganz unabhängig vom Wert und der Wirkung einzelner Ideen und Ratschläge, denCharakter eines durchdachten und mit großer Stetigkeit auf Ethik und Psychologiebegründeten Systems zuerkennen. Wenn auch zerstreut in zahlreichen verschiedenenSchriften, in der Darstellung meist einem anderen Zwecke sich unterordnend, erscheinendie pädagogischen Lehren bei Vives doch so streng unter sich zusammenhängend und sovollständig aus seiner allgemeinen Weltanschauung abgeleitet, daß wir auf diesen Zu-sammenhang wol einen Blick werfen dürfen, obschon die wesentliche Wirkung seiner Lehrenauf die Folgezeit weniger vom System, als vom einzelnen ausgegangen ist.
Grundlage der ganzen Weltanschauung bildet ein vom Einfluß der Scholastik unddes mittelalterlichen Aberglaubens geläutertes, dagegen etwas platonisch und noch mehrstoisch gefärbtes Christentum. Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Friedfertigkeit und Reinheitdes Geistes sind die Grundtugenden, auf denen die zeitliche und ewige Wolfahrt desMenschen ruht. Das durch den Fall des Menschen entstandene Übel entwickelt sich inder Gesellschaft und bringt hier die verderblichsten Folgen hervor. Die Selbstsucht findetungemessene Nahrung im Streben nach Macht und Reichtum; irdische Größe wird be-wundert und mit allen Mitteln erstrebt. Hochmut und Niederträchtigkeit, maßlose Herrsch-sucht und feige Unterwürfigkeit stammen aus der gleichen Quelle. Menschen, welche, ihrerbesseren Natur folgend, vielleicht die Tugend lieben würden, lassen sich durch die öffentlicheMeinung Hinreißen, in den allgemeinen Ton einzustimmen, und so wachsen die Kinderauf unter dem Einfluß der verderblichsten Ansichten und Meinungen. Das Übel mußbekämpft werden im Staat, in der Familie und im eigenen Herzen. Ersteres ist haupt-sächlich Sache des Mannes, das Haus ist der Wirkungskreis der Frau; die Einkehr beisich selbst ist jedem Alter und Geschlecht gleich nötig. Das wichtigste Band der mensch-lichen Gesellschaft und das unentbehrliche Mittel, im Staate zu wirken, ist die Rede. Sie
*) Man kann mit dieser Ansicht des Spaniers ans der Reformationszeit die im altenAthen herrschenden Ansichten vom weiblichen Geschlecht und die daraus folgenden ErziehungS-grundsätze vergleichen. S. Schoemann, griech. Altertümer, I. S. 543 ff. (3. Ausl.), woselbstsich S. 545 der Versuch findet, diese Erziehungsweise als vielleicht notwendig für jenes Volkund jenes Klima darzustellen. Im ganzen schwerlich mit Recht; aber im einzelnen läßt sichleicht denken, daß eine Abweichung von der national gewordenen Sitte die gefürchteten Übelständewirklich mit sich brachte, wodurch das allgemeine Vorurteil sehr verstärkt werden mußte.