Vives.
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man sieht, sind diese Erziehungsregeln nicht etwa durch einen Misgriff, nach Art desErasmus, in die Schülergespräche hineingekommen, sondern sie sind in ihrer ganzen Fassungdarauf berechnet, von Schülern gelesen und beherzigt zu werden, um dadurch den Absichtendes Erziehers in die Hände zu arbeiten.
Es bleibt uns noch übrig, einiges aus dem pädagogischen Inhalt des Werkes „Vsiustitutions lsininus Ollristianas" mitzuteilen, dessen allgemeiner Charakteroben schon, freilich zumeist von der Schattenseite, geschildert wurde. Vives verlangt vonder Mutter, daß sie, wie die Römerin Cornelia, ihre Kinder für den größten Schatzhalten soll, welchen sie besitze. Sie soll, wenn immer möglich, ihre Kinder selbst stillen,was nicht nur für Mutter und Kind das Gesundeste, sondern auch eine Quelle derreinsten Freuden ist und die Liebe des Kindes zur Mutter früh und tief begründet.Auch hat die Milch auf den Charakter Einfluß, sowie ferner von einer ungebildetenAmme Nachteil für die Sprache des Kindes zu fürchten ist. Wo daher nicht andersgeholfen werden kann, als durch Zuziehung einer Amme, soll auf die Auswahl derselbendie größte Sorgfalt verwendet werden. (Vgl. die beiden hiervon handelnden Stellen, zuAnfang des ersten und im 1l. Kapitel des zweiten Buches, IV. S. 70 f. und S. 257 f.)Wenn die Mutter lesen und schreiben kann, soll sie selbst ihre Kinder darin unter-richten und so in einer Person Mutter, Amme und Lehrerin sein, was die Liebe derKinder zu ihr erhöht und die Fortschritte derselben beschleunigt. Die Mädchen soll sieaußerdem in den Handarbeiten und im Hauswesen unterrichten. Um ihrer Kinder willenmuß sie sich die größte Mühe geben, stets rein und richtig zu reden, da die Kinder vonihr alles durch Nachahmung annehmen werden. Die Mütter sollen ferner den Kindernkeine inhaltsleeren Fabeln erzählen, sondern angenehme kleine Geschichten und solcheFabeln, die dazu dienen, die Tugend zu empfehlen und das Laster verhaßt zu machen, sodaß das Kind schon die richtigen Empfindungen annimmt, bevor es nur weiß, was Tugendund Laster ist. Auch soll die Mutter gewisse Lieblingssprüche und Lebensregeln im Mundeführen, die im Gedächtnis des Kindes durch das häufige Anhören haften bleiben. DieKinder kommen mit allen ihren Anliegen immer wider zur Mutter, fragen sie nach allemund glauben alles, was sie sagt. Welche Gelegenheit bietet sich da, sie zum Guten oderzum Schlechten zu bilden! Von der Mutter sollten sie hören, daß Reichtum, Macht,Ehre, Ruhm, Adel, Schönheit nur eitle und gering zu schätzende Dinge sind, dagegen Ge-rechtigkeit, Frömmigkeit, Tapferkeit, Enthaltsamkeit, Bildung, Milde, Mitleid, Menschen-liebe wahre und erstrebenswerte Güter. Jedermann stellt den Reichtum am höchsten,beugt sich vor dem Adel, betet Ehrenstellen an, trachtet nach Macht, lobt die Schönheit,bewundert den Ruhm und folgt der Wollust; die Armut tritt man mit Füßen, keinenSchimpf hält man für schlimmer, als den Mangel, Einfalt des Geistes verlacht man,die Religion betrachtet man mit Mistrauen, wissenschaftliche Bildung mit Haß, Recht-schaffenheit wird für Wahnsinn oder Betrug gehalten. Daher ist die Menge der Schlechtenso groß und weise und gute Männer so selten, während doch die bessere Natur derMenschen von sich aus mehr zur Tugend als zum Laster neigt. Eine fromme Hausfrausoll diesen verkehrten Meinungen entgegentreten und durch die guten Lehren und Ratschläge,welche sie ihrem Sohne einflößt, den Funken der göttlichen Gerechtigkeit in ihrem Sohnewecken. Ferner sollen die Mütter sich davor hüten, die Kraft des Geistes und desKörpers durch eine zu weichliche Erziehung ihrer Söhne zu brechen. Es giebtMütter, denen die Kinder niemals genug essen, trinken, schlafen, bekleidet und gepflegtwerden. Diese Sorgfalt sollte sie auf Bildung des Geistes übertragen; es giebt seltenhervorragende Männer, die von ihren Eltern weichlich erzogen wurden. Vives bekämpftsodann, nicht ohne Einseitigkeit und Übertreibung, die falsche Liebe der Mütter zu ihrenKindern. Er hebt die Notwendigkeit einer strengen Zucht und häufiger Schläge hervorund verlangt, daß die Mutter ihre Liebe vor dem Kinde verberge, um den Ernst derErziehung nicht zu schwächen. Noch weniger sollen die Töchter mit Nachsicht behandeltwerden. Söhne werden durch die Nachgiebigkeit verdorben, Töchter gänzlich zu Grunde