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9 (1887) Spanien - Vives
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Vives-

was mehr ist, des Geistes. Die Geistlichen soll er verehren und auf ihre Lehrenhören. Bor Greisen soll er aufstehen, das Haupt entblößen, und ihren lehrreichen Redenaufmerksam lauschen. Die Behörden soll er ehren und ihren Befehlen gehorchen.Männer, welche an Geist, Bildung und Tüchtigkeit hervorragen, soll er bewundern undehren und ihre Freundschaft suchen, woraus reiche Früchte hervorgehen, vor allem, daßwir ihnen ähnlich werden. Kurz, jeder Würde soll er die ihr gebärende Ehre erweisen.Der Jüngling mag wissen, daß nicht alle das Ansehen verdienen, welches sie genießen,daß es unwürdige Geistliche, schlechte Beamte, thörichte Greise giebt, aber er soll sich i,neinzelnen darüber kein Urteil erlauben. In den Bezeugungen der Höflichkeitund Ehrerbietung soll er nicht träge sein; in Gegenwart älterer Leute nicht vielreden, sondern schweigend ihnen zuhören und aus ihren Gesprächen Belehrung ziehen.Ein absprechender Jüngling ist unerträglich; selbst in leichten Dingen soll er mit seinemUrteil zögern und seine Unkenntnis bedenken, um so viel mehr in wichtigen und großenAngelegenheiten. Wo es sich um die Wissenschaften, um die Gesetze, um überlieferteSitten und Gebräuche, um die Einrichtungen unserer Vorfahren handelt, soll er nichtnur kein Urteil abgeben, sondern auch nicht disputieren, nicht in Zweifel ziehen, nichtspotten oder Gründe fordern, sondern schweigend gehorchen. Er mag wissen, daß esschlechte Gesetze und Einrichtungen giebt, aber er soll sich selbst noch nicht die Fähigkeitzutrauen, sie mit Sicherheit von den guten zu unterscheiden. Er soll daher die Unter-suchung und Entscheidung hierüber denjenigen überlassen, welche hierfür die Kenntnisse undErfahrungen besitzen. Sittsame Scheu ist der schönste Schmuck des Jünglings;nichts abscheulicher als Schamlosigkeit. Eine besondere Gefahr des Jünglingsalters bringtder Zorn, der oft zu Handlungen hinreißt, welche man später bereuen muß. Dahermuß man mit diesem Übel angestrengt kämpfen, um es ganz zu besiegen, damit es nichtuns besiege. Ein müßiger Mensch ist wie ein Stein, ein schlechtbeschäftigter wie einTier; nur die rechte Th ätigk eit macht wahrhaft zum Menschen. Durch Nichtsthunlernt man Übles thun: Speise und Trank sind nach Bedarf des Körpers zu be-messen, nicht nach dem Geld, das man darauf wenden kann oder nach den Trieben derSchlemmerei und Zügellosigkeit. Was kann es Häßlicheres geben, als daß der Menschseinen Körper mit Dingen füllt, die ihn in ein Tier oder in einen Klotz verwandeln?Der Ausdruck des Gesichtes und die Haltung des Körpers verraten das Innere, ganz

besonders aber ist das Auge ein Spiegel der Seele. Daher soll der Blick ruhig und

gefaßt sein, weder hochmütig noch niedergeschlagen, nicht zu beweglich und nicht starr.Die Züge sollen Heiterkeit und Freundlichkeit ausdrücken. In Kleidung, Lebensweise,Umgang und Reden soll man Schmutz und Häßlichkeit fliehen. Unsere Rede soll wederanmaßend noch verzagt sein, einfach und unverfänglich, nicht auf Zweideutigkeiten angelegt;denn sonst kann man nichts mehr sicher sagen und die edle Natur der Sprache wird ge-brochen durch thörichte und abgeschmackte Witzelei. Auch soll man sich beim Reden vorallen heftigen und unziemlichen Gebärden hüten. Nichts ist häßlicher und fluchwürdigerals die Lüge. Unmäßigkeit macht uns nur zu Tieren, Lüge aber zu Teufeln, währenddie Wahrheit uns zu Halbgöttern macht. Die Wahrheit stammt von Gott, die Lügevom Teufel und nichts ist verderblicher als sie für die menschliche Gesellschaft. Den

Lügner inüßte man mit mehr Recht aus dem Umgang mit Menschen ausstoßen, als den

Dieb, den Münzfälscher oder den, welcher jemanden geschlagen hat. Denn wie kann Ver-trag und Meinungsaustausch bestehen mit einem Menschen, welcher anders redet als erdenkt? Mit den andern Lastern kann noch ein Verkehr bestehen, mit diesem nicht. Vonvorzüglicher Wichtigkeit ist die Wahl des Umgangs, weil die Sitten unserer Kame-raden, wie durch Ansteckung, auf uns wirken. Daher sollen die Jünglinge sich ihre Ge-nossen nicht selbst wählen, sondern die Wahl den Eltern, Lehrern und Erziehern über-lassen, welche dabei nicht nach blinder Willkür, sondern mit Vernunft verfahren werden.Sollte aber ein Knabe zufällig in unnütze oder schädliche Bekanntschaft geraten sein, somuß er sie auf eine Mahnung der ihm Vorgesetzten so bald als möglich abbrechen. Wie