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Vives.
Das vierte Buch ist von vorzüglicher Wichtigkeit für die Beurteilung der Stellung,welche Vives in der Geschichte der wissenschaftlichen Bewegung, namentlich als VorläuferBacons, einnimmt: dagegen findet sich eigentlich Pädagogisches hier schon weit wenigerund meist nur Anwendungen der schon bekannten Grundsätze. Bemerkenswert ist dieReihenfolge im Studium der Wissenschaften, welche in diesem Buche behandelt werden.Zuerst kommt die „oonsura vori«, d. h. die Logik, mit möglichster Beseitigung allesbloß Metaphysischen, entsprechend jener schon oben hervorgehobenen Tendenz, eine strengformale Logik aus der aristotelisch-scholastischen auszuscheiden. Dann folgt sofort dasStudium der Naturwissenschaften; darauf erst die Metaphysik als ein Versuch,in die letzten Gründe der Erscheinungen einzudringen. Hierauf folgen in enger Ver-bindung die Topik, welche Vives also von der eigentlichen Logik abtrennt, und dieRhetorik; dann erst die mathematischen Wissenschaften, d. h. die bekannten vierdes Quadriviums und die Optik, welche Vives bei jeder Gelegenheit zur Geltung zubringen sucht. Der ganze bis dahin durchlaufene Kursus nimmt dann freilich auch dasLeben bis ungefähr zum 25. Jahre in Anspruch (VI. x. 373), was die weitgehendenAnforderungen teilweise erklärt. Leider fehlt uns jede genauere Angabe über die Ver-teilung auf die einzelnen Jahre; auch finden wir keinen Übergang zur Universität an-gegeben. Vielmehr muß die ideale Akademie, welche Vives im zweiten Buche kon-struiert hat, dies alles umfassen. Den Hauptabschnitt, etwa unserem Gymnasialkursusentsprechend, scheint der Abschluß des grammatischen Unterrichts mit dem 15. Lebens-jahre zu machen. Daß Vives von hier an eine gewisse Reife voraussetzt, geht auchdaraus hervor, daß im vierten Buche sich kein besonderer Abschnitt über die Erziehungauf dieser Stufe findet; nur gelegentlich die Bemerkung (VI. 354), daß inan dieserAltersstufe schon bedeutend anstrengendere Leibesübungen gestatten dürfe: weitereMärsche, Laufen, Springen, Ringen und Werfen. Rein didaktische Regeln, z. B. überden Fortgang vorn Leichteren zum Schwierigeren, sind dagegen auch hier häufig ein-gestreut.
Die ganz eigentümliche und historisch bedeutungsvolle Stellung, welche Vives denNaturwissenschaften einräumt, bedarf nun aber einer kurzen Erörterung. Vivesist nicht, gleich Bacon, ein begeisterter Apostel der Naturwissenschaften; ja, er hält dasStudium derselben für gefährlich für diejenigen, welche noch nicht fest genug im Glaubensind, und er will auch der „coutomplutio rorum naturao", wie er dies Gebiet be-zeichnet, nicht den Rang einer eigentlichen Wissenschaft einräumen. Daher kann auch voneiner angeblich sicheren Kunst der Entdeckungen, wie Bacon sie mit seiner Theorie derInduktion zu geben versuchte, bei Vives nicht die Rede sein. Gleichwol behandelt Vivesden Gegenstand mit sichtbarer Vorliebe und ganz im Geist der induktiven M ethode.Gleich die Stellung der Physik (im weiteren Sinne) zur Metaphysik ist ganz der Bacon-schen Ansicht vom Gebäude der Wissenschaften entsprechend. Die Metaphysik, deren Auf-gaben Vives gegenüber Aristoteles bedeutend vereinfacht, hat die Kenntnis der Natur zurVoraussetzung und hat zum Zweck die Nachweisung der letzten Gründe aller Erscheinungen.Wir haben oben gesehen, daß Vives auch bei der Grammatik einen induktiven Weg: Ab-leitung der Regeln aus der Beobachtung des Einzelnen, empfiehlt. Hier sehen wir, daßer die ganze Metaphysik auf die Erkenntnis des Sinnlichen und Einzelnen begründet.Ein fernerer, auffallend an Bacon erinnernder Zug ist nun aber die Entschiedenheit, mitwelcher Vives vom bloß litterarischen Studium, vom Autoritätsglauben und von aprio-ristischen Theorieen zurückweist auf die Anschauung und auf den unmittelbaren Verkehrmit der Natur als Quelle alles unseres Wissens auf diesem Gebiete.*) Und dies lehrte
*) Vgl. folgende Stellen: VI. 348: „neguo eniin ost ptiilosopllus, gut da „instantibus^ot da „motu enorini" aut „oont'orini" nugatur snbtilitsr, ssä gut g6neration68 et naturssnovit ptantaruin atgua aniwantiuin, gut oausao, our guidguo trat, ot guomodo". ... Znomni pdilosoptiia guao 68t do natura iltud praadioatur juvani, 6a ittuin modo auüituruw,quaa imaginein babeant V6ri (das Wahrscheinliche), guantum guidsm ingsnio, judioio, usu