Druckschrift 
9 (1887) Spanien - Vives
Entstehung
Seite
666
Einzelbild herunterladen
 

066 Vaterlandsliebe.

sungen, in freudigster Dankbarkeit für eine alle Hoffnungen übertreffende Erfüllung an-stimmen:

Von der Maas bis an die Memel, von den Alpen bis zum Belt,

Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!

Da wird ein deutscher Lehrer der Geographie von den Wanderungen in andere Länderund Weltteile, wie sie der Deutsche in Wirklichkeit und im Geiste jederzeit gerne unter-nommen hat, mit Freuden zum Vaterlande zurückkehren, um seinen Schülern zu zeigen,was es wert ist, ein wol abgerundetes und innerlich reich gegliedertes und doch wol ver-bundenes großes Vaterland zu haben; wie die natürliche Grenze, welche Volk vom Volkescheidet, nur durch die Volkstümlichkeit und deren unmittelbarsten Ausdruck, die Sprache,gezogen wird; wie die politischen Verhältnisse, durch welche diese natürliche Grenze viel-fach verschoben worden ist, ihre geschichtliche Berechtigung haben, was es aber zu bedeutenhat, daß wir gegen den unruhigen Nachbar im Westen bessere und sicherere Grenzengewonnen haben, als wir sie bisher hatten; wie aber hier und nach den Seiten hin, wosolche Grenzen fehlen, das deutsche Volk selbst gerüstet sein muß, den kräftigsten Wallgegen feindliche Angriffe zu bilden. Innerhalb dieser Grenzen nun stellt sich uns einLand dar, in dessen Beschaffenheit der reflektierende Verstand Gründe genug auffindenkann zur Erklärung und Befestigung der natürlichen Anhänglichkeit, welche das deutscheHerz an diesen Boden fesselt. Durch seine Struktur und sein Klima wird er zu einemrechten Repräsentanten der Vorzüge, durch welche die Länder der gemäßigten Zone sichauszeichnen. Er läßt weder in südlicher Üppigkeit, welche den wesentlichen Bedarf desLebens von selbst darbietet, die Thätigkeit seiner Bewohner erschlaffen, noch läßt er durchzu große Ungunst seiner Verhältnisse ihren Geist in unausgesetzter Arbeit um das täglicheBrod verkümmern, sondern fast überall ist er von der Art, daß er fleißige Arbeit reich-lich lohnt. Für die Poesie seiner Wälder, in welchen der deutsche Geist von je an mitVorliebe lebte und webte, seiner Berge und Ströme, seiner Rebenhügel und Meeresküstenbieten fruchtbare und wolangebaute Ebenen eine nicht zu verachtende reale Grundlage.Eben um der durch die Verschiedenheit dieser Verhältnisse wesentlich mitbedingten Ver-schiedenheit der Stammesart willen sind die einzelnen deutschen Stämme auf treues Zu-sammenhalten zn wechselseitiger Unterstützung unv Ergänzung auf einander angewiesen.Der Hei mats künde in dem Sinne, in welchem man ihren Begriff von dem weiterender Vaterlandskunde zu unterscheiden sich gewöhnt hat, liegt die Sorge dafür ob, daßdie Jugend in ihrer nächsten Heimat wirklich von Herzen heimisch werde, sic lieb behalteund ihrer Vorzüge sich freue, doch immer so, daß nicht vergessen wird, wie hinter denBergen auch Leute wohnen, damit nicht ein-beschränktes und dumpfes, kurzsichtiges undengherziges Versunkensein in die besondere Landes- und Stammesart der nächsten Heimatdie lebendige Teilnahme an Wol und Wehe des gesamten deutschen Volkes und Vater-landes und die Liebe zu ihm beeinträchtige, damit insbesondere der Unterschied zwischenNord- und Süddeutschland nicht fortfahre, ein Grund der Trennung zu sein, sondernein Antrieb zur Verbindung werde. Denn es ist ja so, wie Geibel in einem ungedrucktenLiede gesungen hat: „Jedem eben etwas fehlt, wie wir eben aufgezählt"; aber ohneZweifel hat auch der Dichter aus dieser Thatsache die richtige Moral gezogen, wenn erfortfährt: „Darum heißt es: „Sich vertragen!" und, wenn es sein muß: „Mit-

einander dreingeschlagen!" Und wie hinter den Bergen Leute wohnen, so hat es auch imfernen Hintergründe der Zeiten schon Leute gegeben! Der geographische Unterricht hatdarauf Bedacht zu nehmen, daß im Herzen der Jugend Verständnis und liebevolle Teil-nahme für das erweckt werde, was in Burgen und Städten die Heldenkraft, die Bürger-tugend, der Kunstsinn der Vorzeit geschaffen. Was in neuester Zeit Wissenschaft und In-dustrie im Bunde hervorgebracht haben, hat sein gutes Recht und ist nicht zu unter-schätzen. Aber die Erziehung hat darüber zu wachen, daß durch die immer weiter sichausbreitenden und überall von selbst sich aufdrängenden Unternehmungen, Einrichtungenund Arbeiten, welche dem großen Weltverkehr dienen, zu Gunsten einer Oberflächlichkeit,