Vaterlandsliebe.
663
Ausländerei auf der tiefsten Stufe ihrer Erniedrigung angekommen war, zugleich dasBestreben, die Sprache von fremden Elementen zu reinigen, sich kräftig zu regen beginnt.Aber während einzelne Männer, wie namentlich Balthasar Schupp (vgl. den Art.), mitgesundem Takt das Richtige trafen, hat der Purismus, von dein Palmenorden der frucht-bringenden Gesellschaft an bis auf Campe und den Hochstiftler S. Volger herab, vielAbenteuerliches und Verkehrtes zutage gefördert, so daß es der besonnenen Gründlichkeitund der gewichtigen Autorität eines I. Grimm bedurfte, um extreme Tendenzen in dierechte Bahn zuriickzuleitcn und fremde Elemente, die in dem Boden der deutschen Sprachefeste und lebendige Wurzeln getrieben hatten, vor dem Kehrbesen der Sprachreiniger zuschützen. — Dieses führt uns von der negativen Forderung, störende, fremde Elementefernzuhalten, zu der positiven, die Muttersprache nicht nach einer subjektiven Grille odernach einer durch Abstraktion gewonnenen Schablone zurecht zu schneiden; nicht — umeinen treffenden Ausoruck Schillers hier anzuwenden — mit ungeduldig vorgreifenderVernunft gegen sie herauszustreben, sondern ihr zu erlauben, sich gegen uns herein zubewegen; sie in ihrem Wesen und Werden gelten lassen und verstehenzu lernen und sie darum zu lieben. Denn wenn auf irgend einem Gebiete, sogilt auf dem der Sprache die Wahrheit, daß die rechte Erkenntnis ein Kind selbstver-leugnender und an ihren Gegenstand sich hingebender Liebe ist; und die Brüder Grimmhaben durch ihre Sprachforschungen diese Wahrheit aufs schönste bestätigt. „Ich behaupt^nichts anders, als daß durch die unsägliche Pedanterie sdes gewöhnlichen grammatischenUnterrichts in der Muttersprache) gerade die freie Entfaltung des Sprachvermögens inden Kindern gestört und eine herrliche Anstalt der Natur, welche uns die Rede mit derMuttermilch eingiebt und sie in dem Besang des elterlichen Hauses zur Macht kommenlassen will, verkannt werde. Die Sprache, gleich allem natürlichen und sittlichen, ist einunvermerktes, unbewußtes Geheimnis, welches sich in der Jugend einpflanzt und unsereSprachwerkzeuge für die eigentümlichen vaterländischen Töne, Biegungen, Wendungen,Härten oder Weichen bestimmt; auf diesem Eindruck beruht jenes unvertilgliche sehnsüchtigeGefühl, das jeden Menschen befällt, dem in der Fremde seine Sprache und Mundart zuOhren schallt; zugleich beruht darauf die Unlernbarkeit einer ausländischen Sprache, d. h.ihrer innigen und völligen Übung. Wer könnte nun glauben, daß ein so tief angelegter,nach dem natürlichen Gesetz weiser Sparsamkeit aufstrebender Wachstum durch die ab-gezogenen, matten und misgegrifsenen Regeln der Sprachmeister gelenkt oder gefördertwürde, und wer betrübte sich nicht über unkindliche Kinder und Jünglinge, die rein undgebildet werden, aber im Alter kein Heimweh nach ihrer Jugend fühlen." (I. Grimm^Vorrede zur 1. Aufl. der Grammatik, S. IX f.) Jede lebende Sprache ist eben selbstein noch werdendes Leben, an welchem Phantasie und Gefühl ebensogut wie der VerstandAnteil haben, und welchem verständig abstrahierte Regeln keine Zwangsjacke anlegen undkeinen Halt gebieten dürfen, wären sie auch so scharfsinnig ausgedacht und systematisiert,wie in K. F. Beckers grammatischen Werken. Der nächste und hauptsächlichste Zweckdes Unterrichts in der Muttersprache ist, die Schüler mit der neuhochdeutschen Schrift-sprache möglichst vertraut zu machen. Sie ist einmal die Schulsprache: die Lehrer sollensie unter allen Umständen sprechen, in höheren Schulen auch die Schüler; in der Volks-schule und zumal in der Dorfschule wird man sich zunächst begnügen müssen, wenndie Kinder sie nur richtig lesen, verstehen und — soweit sie überhaupt zu schreiben haben —sie richtig schreiben lernen; zum richtigen hochdeutsch Sprechen wird es da, wo der Dia-lekt von der Schriftsprache stärker abweicht, nur in beschränktem Maße und nur in derobersten Klasse kommen. Aber glücklicherweise ist dieses Hochdeutsche weder etwas Fertiges,noch wird es allein in der Schule gelernt. Es ist noch in lebendiger Entwickelung be-griffen; und die Kinder selbst führen ihm von der Mutter her aus dem Hause und vonder Gasse Elemente zu, welche zu seinem Verständnis wie zu seiner Vertiefung, Bereiche-rung und Belebung verwertet werden können. Der Lehrer hüte sich also wol, Ausdrückeund Sprachformen aus dem Volksdialekt, Redewendungen aus dem gewöhnlichen Leben