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Vaterlandsliebe.
leitenden Grundsätzen uns mnzusehen, wenn wir nunmehr den Versuch machen,für die Erziehung zur Vaterlandsliebe, natürlich in vorzugsweiserRücksicht auf die deutsche Jugend, Gesetz und Regel aufzustellen.Hoffentlich wird es sich dabei zeigen, daß die bisherige historische Darlegung nicht einunnützer gelehrter Ballast ist, sondern daß es sich eben nur darum handelt, aus dengroßen Lehren der Völkergeschichte und aus den Resultaten ihrer bestätigenden oder ver-werfenden Kritik für unfern besonderen Zweck die Summe zu ziehen.
Wenn die Nationalität, gleich der Individualität des einzelnen, auf einer von Gottverliehenen besonderen Begabung beruht, durch welche ein Volk von dem andern sichunterscheidet, so dürfen wir ein jedes Volk als ein großes Kollektivindivi-duum betrachten, welches zwischen den einzelnen Individuen auf der einen und der ge-samten Menschheit auf der anderen Seite in der Mitte steht: „wir setzen also zuerstzwischen der einzelnen Persönlichkeit und der absoluten Gemeinschaftlichkeit die nationelleBestimmtheit als etwas Notwendiges" (Schleiermacher). Daraus folgt, daß, ähnlichwie die Individualität des einzelnen, so auch die Bolksindividualität ihr Recht und ihrePflicht hat; und zwar gilt dies in Bezug auf die beiden genannten Seiten, während daseinzelne Individuum nur gegenüber der Gesamtheit, welcher es angehört, sein Recht zufordern und seine Pflicht zu erfüllen hat. In Bezug auf die Individuen, welche zu ihmgehören, hat ein Volk das Recht, zu fordern, daß sie sich nicht selbstsüchtig isolieren,sondern als seine lebendigen Glieder in das nationale Leben und die nationalen Interesseneingehen, zugleich aber auch die Pflicht, die einzelnen Individuen nicht als willenloseWerkzeuge seinen äußeren Zwecken dienstbar zu machen, sondern sie in ihrer persönlichenFreiheit und individuellen Eigentümlichkeit anzuerkennen, zu schützen und zu fördern, da-mit sie in freiem Gehorsam dem Gedeihen ihres Volkes dienen, und dessen Leben um soreicher und frischer sich entfalte. In Bezug auf die große Völkergemeinschaft und diegesamte Menschheit hat das einzelne Volk das Recht, zu fordern, daß es in seinem eigen-tümlichen Wesen und Leben anerkannt und nicht gekränkt werde, zugleich aber die Pflicht,aus dem natürlichen nationalen Egoismus herauszutreten und „seinen eigenen Bildungs-prozeß stets als Organ des ganzen Menschengeschlechts zu betreiben." Diejenige Ge-sinnung, welche das Recht des einzelnen Volkes vertritt, kann man für beide Fälle alsPatriotismus, diejenige dagegen, welche der Erfüllung der Pflicht des Volkes gegendie einzelnen, wie gegen die ganze Menschheit zugewandt ist, in der ersteren Rücksicht alsIndividualismus, in der letzteren als Kosmopolitismus bezeichnen, beideWörter in gutem Sinne genommen. Während nun im Altertum die patriotische Richtungvorgeherrscht hat, und zwar meist in so einseitiger Weise, daß einerseits der einzelne ge-nötigt wurde, seine individuelle Freiheit der nationalen Gesamtheit völlig zu unterwerfen,andererseits die einzelnen Völker in schroffer und feindseliger Trennung sich einandergegenüberstanden und von einer Pflicht gegen die ganze Menschheit ihnen sogar der Begrifffehlte; so hat dagegen die neuere und neueste Zeit einen einseitigen und darum verkehrtenIndividualismus und Kosmopolitismus hervorgebracht, oder vielmehr: es zeigt sich, wiediese beiden Extreme aus derselben Wurzel erwachsen sind, indem die in subjektive Will-kür ausgeartete Freiheit des Individuums die Maske einer Begeisterung für das Wolder ganzen Menschheit vornimmt, um die nächsten und natürlichsten Pflichten gegen Vater-land und Volk los zu werden und doch ihre gemeine Selbstsucht nicht eingestehen zumüssen. Das Christentum hat die nationale und lokale Bestimmtheit der Individuenund die nationale und lokale Gliederung der Menschheit als eine göttliche Institutiondargestellt, zugleich aber den Individuen das Recht gewahrt, ihrer besonderen Begabungentsprechend, in den freien Dienst ihres Volkes einzutreten, und der ganzen Menschheitdas Recht, die einzelnen Völker in Einigkeit des Geistes zur höchsten Gemeinschaft zuverbinden. Es hat damit den Patriotismus mit dem berechtigten und gesunden Indivi-dualismus und Kosmopolitismus versöhnt und diesem wahren Patriotismus zwischen einemselbstsüchtig sich isolierenden Subjektivismus und einem vagen und inhaltslosen Kosmo-