Druckschrift 
9 (1887) Spanien - Vives
Entstehung
Seite
657
Einzelbild herunterladen
 

Vaterlandsliebe.

657

Aber schon Fichte hatte von einem höheren und freieren Standpunkte aus unmittelbarnach der vorhin angeführten Stelle auch auf das Verderben hingewiesen, welches auseiner Unterdrückung der deutschen Volkstümlichkeit zugleich der ganzen Menschheit erwachsenmüsse, weil mit dem Untergange des vermöge der Innerlichkeit seines Wesens zur Pflegedes allgemein Menschlichen und der idealen Interessen vorzugsweise berufenen deutschenVolkes auch die übrigen Völker aufs tiefste geschädigt und der Gefahr, in gemeine Selbst-sucht zu versinken, in ungleich höheren, Grade würden ausgesetzt werden. Und ganz be-sonders hat Schleiermacher, welcher während der Zeit der Unterdrückung in uner-schütterlichem Glauben an die eigentümliche Begabung und den auf derselben ruhendenweltgeschichtlichen Beruf des deutschen Volkes neben Fichte gelehrt und gepredigt und fürdie Widerherstellung deutscher Unabhängigkeit und Selbständigkeit gewirkt hat, sich auchdas Verdienst erworben, der Vaterlandsliebe ihre rechte Stelle im Kreise christlicherTugenden anzuweisen und zu sichern, auf welcher sie, während sie die eigentümliche Bolks-und Landesart zu schützen und zu pflegen trachtet, zugleich das Band der vom Evange-lium geforderten Gemeinschaft mit anderen Völkern zu erhalten hat, in deren Wesen siedie Ergänzung der eigenen Volkstümlichkeit suchen muß (vgl. einerseits: SchleiermachersLeben. In Briefen. 4 Bände. Berlin 18581863 und dazu meine den Hauptinhaltübersichtlich zusammenstellende Anzeige in den theolog. Studien und Kritiken. 1859;C. Beck, Schleiermacher, ein deutscher Mann. Reutlingen 1869; G. Baur, Schleier-macher als Prediger in der Zeit von Deutschlands Erniedrigung und Erhebung. Leipzig18-1; andererseits: Schleiermacher, die christliche Sitte nach den Grundsätzender evangelischen Kirche im Zusammenhänge dargestellt. Berlin 1843, S. 449 f.). Inseiner christlichen Sittenlehre hat Schleiermacher nachgewiesen, wie die nationale Differenzauf der von Gott geordneten Verschiedenheit menschlicher Begabung beruht, wie sie deshalbeinerseits als eine von Gott gewollte zu bewahren und zu Pflegen ist, andererseits aberauch die absolute Gemeinschaft aller Menschen nicht hindern darf, sondern als ein Mo-ment derselben fördernd und bereichernd in sie eintreten muß, und wie ein Volk nur mitgutem Gewissen handeln kann, wenn es seinen Bildungsprozeß als Organ des ganzenMenschengeschlechtes betreibt. Den in jener Zeit der geistigen Widergeburt Deutschlandsverkündeten und bewährten Grundsätzen hat nach so verheißungsvollen Anfängen eine eng-herzige und feige Reaktion die vollständige praktische Durchführung verkümmert und ver-wehrt. Die deutsche Jugend ist dadurch genötigt worden, ihre patriotische Begeisterungin unfruchtbaren Träumen und thörichter Auflehnung gegen die gesetzliche Ordnung zuverzehren oder gar von Frankreich, dem Lande der permanenten Revolution, zu erwarten,was das Vaterland nicht bot, weil in ihm die berechtigte und in einer großen Zeit unterden besten Auspicien eingeleitete Reform von einer ideenlosen und kurzsichtig von der Handzum Munde lebenden Staatsklugheit zurückgedrängt worden war. Aber in der Stillewurde doch der aus der ausgestreuten Saat aufgegangene Keim von deutschen Männerntreulich gewartet und namentlich hat zur Erweckung und Belebung vaterländischer Ge-sinnung die liebevolle und sorgfältige Pflege beigetragen, welche vor allen die BrüderGrimm der deutschen Vorzeit und ihrem in Sprache und Sitte, in Sage und Lied bisin die Gegenwart fortwirkenden Leben zuwandten, und zu welcher angeregt zu haben wolden schönsten und bleibendsten Ruhm der sogenannten romantischen Schule bildet. Da-neben fuhr die deutsche Wissenschaft und Kunst, einem ihr inwohnenden volkstümlichenAntriebe folgend, fort, was andere Völker Großes und Schönes hervorgebracht hatten,aufzusuchen und dem deutschen Volke anzucignen, damit so, nach einem schönen AusdruckeRücker ts, die zerstreuten Glieder der Menschheit gesammelt würden an das europäischeHerz. Und wenn jetzt Deutschland wider eines unter einem deutschen Kaiser kräftiger alsje geeinigten deutschen Reiches sich freuen kann, so ist das nur die Erfüllung der Ge-danken und Hoffnungen, welche unsere besten Männer in jener Zeit der Neugeburt unseresVolkes gehegt und gepflegt und in der darauf folgenden bösen Zeit bewahrt und auf-recht erhalten zu haben; und wir haben darum um so weniger Grund, nach anderen

Padag. EnchkloMie. IX. L. Aufl. 42