«52
Vaterlandsliebe.
Rechten vergessen werden solle, wenn sie je des heiligen Landes und der heiligen Gottes-stadt vergäßen, wohin zurückzukehren das Ziel ihrer heißesten Sehnsucht blieb. Noch ein-mal gelang es in der Zeit der Makkabäer dem heiligen Patriotismus des kleinen Volkesder syrischen Macht seine Selbständigkeit abzuringen; und was damals der greise Matta-thias vor seinem Tode zu seinen Söhnen gesprochen hat (1. Makk. 2, 49 sf.), das stehtden Reden des Demosthenes wol an Kunst, aber keiner von ihnen an intensiver Kraftnach. Allerdings wird nur das Fortbestehen des Gesetzes und des Bundes der Väterals der Preis des Kampfes ausdrücklich genannt; daß aber das heilige Land den Bodenbilde für die Verwirklichung dieses Gesetzes, verstand sich dem Israeliten selbst. Aberbald sollte auch dieses Volk von der unaufhaltsam sich weiter ausbreitenden Flut desrömischen Reiches verschlungen werden. Für eine Vaterlandsliebe, die nicht bloß auf einabstraktes Staatsgesetz sich bezieht, sondern auch an der eigentümlichen Art von Landund Leuten hängt, schien es von nun an keine Stelle mehr zu geben.
Und in dem gegen alle lokale und nationale Eigentümlichkeit gerichteten Zerstörunzs-prozeß schien der äußerliche Universalismus des Römertums unterstützt zu werden durchden geistigen Universalismus des Christentums. Von dem irdischen Vater-lande, der natürlichen nationalen Geineinschaft und der staatlichen Ordnung weist dasChristentum seine Bekenner auf die himmlische Heimat, die geistige Gemeinschaft derGläubigen und die ewigen Ordnungen des Reiches Gottes hin; und der Apostel Paulusscheint die nationale Differenz und mit ihr die Basis der Vaterlandsliebe in die durchden Glauben an Christuni neubegründete absolute Gemeinschaftlichkeit völlig aufgehen zulassen, wenn er im Briefe an die Galater (3, 28) den für die ganze vorchristliche Weltebenso unfaßbaren, als unerhörten Satz aufstcllt: „Hier ist kein Jude noch Grieche, hierist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Alaun noch Weib; denn ihr seid allzumal Einerin Christo!" So hat es denn Schleier in ach er, jedoch nicht als seine eigene, sondernnur als eine thatsächlich vorgekommene Ansicht aussprechen können: „Unter allen religiösenSittenlehren ist es allein die christliche, welche den Satz von der Vernichtung der natio-nalen Differenz aufgestellt hat;" und daß das Christentum gegen den Patriotismus sichfeindlich, oder doch mindestens völlig gleichgültig verhalte, ist ihm cbensowol von seinenGegnern zum Tadel, wie von weltflüchtigen Anhängern zum Lobe angerechnet worden.Und allerdings, indem das Evangelium alle Menschen zum Glauben an ihren Erlöserberuft, kann es nicht dulden, daß irgend eine unter ihnen bestehende natürlichen Differenzdieser großen, alle umfassenden Gemeinschaft des Glaubens und dein lebendigen Bewußt-sein derselben hinderlich werde. Aber wie Paulus durch jenen Satz doch ohne Zweifelweder den Unterschied der Geschlechter, noch auch nur den der Stände hat aufheben wollen,so kann auch seine Meinung nicht sein, daß die nationale Differenz durch die Gemein-schaft des Glaubens solle vernichtet werden, sondern nur daß sie, gleich jenen andern
Unterschieden, in den Dienst Christi eintreten soll, um durch seinen Geist geläutert und
geweiht zu werden. So hat denn nicht allein der Heiland selbst sein Vaterland zum fastausschließlichen und seine galiläische Heimat zum vorzugsweisen Boden, wie sein jüdischesVolk zum näcksten Gegenstände seines irdischen Wirkens gemacht, den Gesetzen desselbenGehorsam geleistet und über seine verblendete Hauptstadt Thränen der innigsten Vater-landsliebe geweint; sondern auch der große Heidenapostel hat die Liebe zu seinem Volkeso wenig verleugnet, daß er das starke Wort hat aussprechen können (Römer 9, 3), erhabe gewünscht, verbannt zu sein von Christo, wenn er dadurch das Heil seiner Brüder,die seine Verwandten seien nach dem Fleisch, erkaufen könne. Und in der Rede, welcheer auf dem Areopag zu Athen gehalten hat, hat er zu der relativen Negierung dernationalen Verschiedenheit, wie sie in jenen Worten des Galaterbriefes enthalten ist, diepositive Ergänzung gegeben (Apostelg. 17, 26 ff.). Darnach hat Gott aus einem
Blute alle Völker gemacht, die auf der ganzen Erde wohnen, und hat einem jeglichen
nach Zeit und Ort die Grenze ihrer Ausbreitung bestimmt, ihnen allen aber die gemein-same Bestimmung gegeben, daß sie Gott suchen sollen. Damit ist die nationale Differenz