Vaterlandsliebe.
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gemein utilitaristische Erklärung der Vaterlandsliebe ist deren Herleitung aus einem ab-strakten Moralismus, welcher die Vaterlandsliebe außer aller Beziehung setzt zu demheiligen und theuren Lande der Väter. Von diesem Standpunkte aus sagt z. B.W. T. Krug (Allgem. Handwörterbuch der philos. Wissenschaften IV, 312): „Suchedas Wol der Gesellschaft, der du eben angehörst, zu erhalten und zu förderndurch alle rechtlichen Mittel, welche dir zu Gebote stehen! Eben dieser Grundsatz istauch das Princip der echten Vaterlandsliebe." Auch dieser Patriotismus des kategori-schen Pflichtgebotes, welcher seinen höchsten Triumph feiern würde, wenn er in demFalle wäre, gegen einen schlechten Staat seine Pflichten mit Abscheu erfüllen zu können,hat mit der in den Tiefen des Herzens wurzelnden und treibenden geheimnißvollen undheiligen Kraft der Liebe nichts zu thun. Im Gegensatz zu diesen Auffassungen einesebenso oberflächlichen als nüchternen Rationalismus, welcher mit seinen Reflexionen überäußerliche Vorteile und äußerliche Leistungen nicht hinauskommt, und welcher seiner Zeitdas Seinige dazu beigetragen hat, unser Volk um die wahre Vaterlandsliebe zu betrügen,führt uns Heinrich von Kleist in seinem Katechismus der Deutschen (aus dem Jahre1807, zuerst herausgegeben von Köpke: Heinrich von Kleists politische Schriften, Berlin1862 , S. 82 ff., jetzt auch in der Hempelschen Gesamtausgabe von H. v. KleistsWerken, Berlin o. I. V, S. 77 ff.) auf den wahren Ursprung und Begriff der Vater-landsliebe zurück. Da wird im 2. Kapitel über die Liebe zum Baterlande folgender-maßen katechisiert: „Frage: Du liebst dein Vaterland, nicht wahr, mein Sohn? Ant-wort: Ja, mein Vater, das thu' ich. Fr.: Warum liebst du es? Antw.: Weiles mein Vaterland ist. Fr.: Du meinst, weil Gott es gesegnet hat mit vielenFrüchten, weil viele schöne Werke der Kunst es schmücken, weil Helden, Staatsmännerund Weise, deren.Namen anzuführen kein Ende ist, es verherrlicht haben? Antw.: Nein,mein Vater, du verführst mich. Fr.: Ich verführte dich? Antw.: Denn Rom unddas egyptische Delta sind, wie du mich gelehrt hast, mit Früchten und schönen Werkender Kunst und allem, was groß und herrlich sein mag, weit mehr gesegnet als Deutsch-land. Gleichwol, wenn deines Sohnes Schicksal wollte, daß er darin leben sollte, würdeer sich traurig fühlen und es nimmermehr so lieb haben wie jetzt Deutschland. Fr.:Warum also liebst du Deutschland? Antw.: Mein Vater, ich habe es dir schon gesagtIFr.: Du hättest es mir schon gesagt? Antw.: Weil es mein Vaterland ist."Diese Katechisation führt mit Recht darauf hin, daß wir unser Vaterland lieben, gleichwieniemand jemals sein eigenes Fleisch gehastet hat (Ephes. 5, 29), weil wir mit ihm ineiner vor jeder egoistischen oder moralischen Reflexion längst vorhandenen, tief realenVerbindung stehen. Wir lieben es eben, wie wir Vater und Mutter, ohne Rücksicht aufden Nutzen, den wir ihnen verdanken, und auf die Pflichten, die wir ihnen schulden,schon darum lieben, weil sie eben unsere Eltern sind. Und wie die Elternliebe, so ruhtauch die normale, gesunde und kernhafte Vaterlandsliebe selbst in ihrer idealsten ethischenVollendung stets auf einer realen Naturbasis. Zunächst handelt es sich darum, den reichenInhalt, welchen das Bekenntnis: „Ich liebe mein Vaterland, weil es mein Vaterlandist," einschließt, in seine Hauptmomente zu zerlegen.
Vor allen Dingen gilt diese gesunde Vaterlandsliebe in der That dem Vaterlandim eigentlichsten Sinne, dem Boden — zwar nicht des Landes, in welchem wir zu-fällig geboren sind; denn von „Geburtslandsliebe" weiß die Sprache nichts, wol aber —des Landes, in welchem unser Vater seinen Wohnsitz hat, auf welchem unser väterlichesHaus steht, in welchem wir die für das ganze Leben so bedeutungsvollen Jahre unsererKindheit verlebt, aus welchem wir unsere leibliche und geistige Lebensnahrung gesogenhaben und in welchem wir daher gleichsam Bein von unseren Beinen und Fleisch vonunserem Fleisch erkennen. Die Regungen dieser mit dem Boden der Heimat verwachsenenVaterlandsliebe läßt Schiller den Helden seiner Räuber in treffenden, tief empfundenenWorten ausdrücken (IV, 1): „Sei mir gegrüßt, Vaterlands-Erde! (Er küßt die Erde.)Vaterlands-Himmel! Vaterlands-Sonne! — und Fluren und Hügel und Ströme und Wälder!