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Vaterlandsliebe.
V.
Vaterlandsliebe. Einem deutschen Pädagogen, welcher heutzutage über die Er-ziehung zur Vaterlandsliebe zu schreiben hat, liegt es nahe, seine Gedanken unmittelbarund frisch aus dem neuen Leben zu schöpfen, zu welchem unser Volk mit Gottes Hilfenun widergeboren ist, und in welchem es der ihm verliehenen eigentümlichen Gaben sichdankbar bewußt werden und der Früchte seines unter langen und schweren Leiden aus-harrenden Höffens und Strebens endlich freuen darf. Aber neben dem zumal in dergegenwärtigen Zeit wolberechtigten Patriotismus ist dem Deutschen ein kosmopolitischerZug so gründlich eingefleischt, daß es ihm schwer werden würde, auf den Nachweis zuverzichten, daß die Vaterlandsliebe „schon in den ältesten Zeiten und bei den verschieden-sten Völkern" vorgekommen sei. Wie geneigt wir indessen sein mögen, dieses Vorkommenvorauszusetzen, so ist doch, es wirklich aufzuzeigen, nicht so leicht, als man denken sollte,und insbesondere treten in der deutschen Litteratur Äußerungen einer bewußten Vater-landsliebe früher nur in sehr vereinzelten Stimmen und in neuerer Zeit erst in volleremChor hervor.
Ehe wir auf die Suche gehen, ist es nötig, daß Uber Ursprung und Begriffdes zu suchenden Gegenstandes eine Verständigung herbeigeführt wird. Das DarmstädterGesangbuch von I8l9, welches für jeden Paragraphen der Moral, bis zum „christlichenVerhalten in Ansehung der Tiere und Bäume" herab, wenigstens ein Lied bringen zumüssen glaubte und, wo der vorhandene reiche Liederschatz der evangelischen Kirche nichtsEntsprechendes darbot, ausgenommen hat, was für den genannten Zweck auf ausdrücklicheBestellung neu angefertigt worden war, hat im 1. und 2. Verse des 546. Liedes eineehedem weit verbreitete Ansicht über Ursprung und Wesen der Vaterlandsliebe mit un-übertrefflicher Klassicität ausgesprochen:
Das Land, das Gott mir väterlichZur Wohnung angewiesen,
Läßt seines treuen Schutzes michIn Glück und Not genießen;
Es giebt mir Nahrung, Sicherheit,
Erhält Recht und GerechtigkeitUnd schützt mein Gut und Leben.
Drum will ich stets erkenntlich sein,
Durch nützliche GeschäfteMich der gemeinen Wolsahrt weihn,
Will Zeit, Beruf und KräfteDem Baterlande, das mich schütztUnd mir und meinen Brüdern nützt,
Mit treuem Eifer widmen.
Wer vorschriftsmäßig den Versuch macht, diese Reime nach der Melodie: „Schonist der Tag von Gott bestimmt" *) zu singen, der wird inne, daß ihr Inhalt die barsteNegation aller gehobenen Stimmung und Gesinnung und also auch der wahren Vater-landsliebe ist. Die Liebe, welche dem Baterlande gewidmet ist, weil es „mich schütztund mir und meinen Brüdern nützt," und welche demgemäß auch aufhört, wenn dieserSchutz und Nutz einmal ausbleibt und das bedrängte Vaterland vielmehr zu seinemSchutze von seinen Kindern Opfer fordert, hat ihren Ursprung in der ordinärsten Selbst-sucht, und ihr Preis, der sich in ein evangelisches deutsches Gesangbuch verirrt hat, istim Grunde nur eine Paraphrase des bekannten Ausspruchs, welchen der heidnische RömerPacuvius dem zur Auswanderung gezwungenen Teucrus in den Mund gelegt hat (CiceroTuse. V, 37): Uatria ost, ubieumgns sst beno. Kaum minder unberechtigt als diese
*) „Es ist gewißlich an der Zeit" — Anm. der Red.