Uberbiirdung. 535
wo nicht ausschließlich an die Schule gerichtet, versuchen wir zunächst, was die Schuleaus eigener Kraft zu leisten vermag! Sie kann und soll zuerst den Lehrplan verein-fachen; diese Forderung ergiebt sich folgerecht aus unseren Betrachtungen, welche die Viel-spältigkeit des Unterrichts als eine der Ursachen für den jetzigen Misstand nachgewiesenhaben. Und um nicht bei dieser unbestimmten Fassung des Ansinnens stehen zu bleiben,so läßt sich an den Gymnasien durch eine Verschiebung des Französischen in die oberenKlassen eine Verminderung der Unterrichtsstunden in den drei unteren Klassen auf28—28 wöchentlich, durch sachgemäße Bevorzugung der Fächer von allgemein bildenderKraft, also der alten Sprachen und der Mathematik, und durch Abminderung der für dieübrigen Fächer erhobenen Ansprüche, durch Lockerung der Schulforderungen und durchBeförderung des Privatstudiums die Sammlung der Kraft und die Beseitigung derArbeitszerstreuung in den oberen Klassen erreichen. Es mag schwer sein und ist dochnoch viel notwendiger, eine ähnliche Vereinfachung in dem übermäßig gliederreichen Lehr-plan der armen, schwerbedrückten Realgymnasien herbeizuführen. Je größer hier derFleiß der Schüler, desto geringer ist der Gewinn an geistiger Macht und Fertigkeit; diesdarf als das Ergebnis langjähriger Beobachtung gelten. Man muß sich eben entschließen,auf einiges zu verzichten, was doch nur um bestimmter äußerer Zwecke willen in denLehrplan der Realschulen ausgenommen ist: die Menge der Stunden und die Masse derArbeit wird erheblich sinken, wenn man sich endlich dazu versteht, das Lateinische, welchesauf diesen Anstalten stets ein fremdartiges Gewächs bleibt und nur geringen Gewinn beigroßer Mühe bringt, weil es sich nie aus gedächtnismäßiger Anlernung zu freiem Eigen-tum umwandeln kann, aus ihrem Lehrplan zu streichen und durch eine einheitlichere undinhaltsvollere Behandlung des Deutschen zu ersetzen. In seiner jetzigen überladenen undeinheitslosen Zusammensetzung kann der Lehrplan der Realgymnasien ohne schwere Be-schädigung, ja Mishandlung des jugendlichen Geistes nicht bleiben; sollte seine Verein-fachung in der angedeuteten Richtung unmöglich sein, was ich leugne, so würde dies nurheißen, daß diese Schulart überhaupt eine verkehrte Schöpfung darstelle.
Mit der Vereinfachung des Lehrplans verbindet sich die Beschränkung des Gedächtnis-stoffes in den schon bezeichnten Fächern der Geschichte und des Religionsunterrichts. Jemehr der unentbehrliche Lehrstoff in ihnen gesichtet wird, desto durchsichtiger und ver-daulicher wird derselbe; was nicht geistig fördert, was keine Gemütsseite anregt, wasnicht zu bleibendem Eigentum bestimmt ist, das werde schlechthin ausgeschieden, weil eswertvollerer Geistesnahrung im Wege steht. Welche Bedeutung haben für unsere Jugenddie Einzelheiten der deutschen Römerzüge, des dreißigjährigen Kriegs, der kirchlichen Lehr-streitigkeiten im Mittelalter? Und doch verzehrt ihr Vortrag wie ihre Einprägung kost-bare Zeit und Kraft, welche der freien Thätigkeit des Schülers auf anderen Gebietenentzogen wird.
Zu den unmittelbaren Heilmitteln der Schule gehört auch, daß in den unterenKlassen der Unterrichtsstoff möglichst in der Lehrstunde selbst eingeübt wird, was freilichnur bei mäßig besuchten Klassen zu erreichen ist, und daß in dem deutschen Unterrichtder oberen Klassen, wie schon angegeben, die unmittelbare Wirkung des Schriftwerks nichtdurch die kritische, den jugendlichen Verstand unnütz anspannende und die Wirkung aufHerz und Anschauung abschwächende Analyse ausgelöscht werde*). Eben dies gilt vonder Behandlung der alten Klassiker, deren inhaltliche Auffassung nicht durch die gehäuftesprachliche und antiquarische Erklärung verdeckt werden darf, soweit dieser im Schwindenbegriffene Misgriff sich noch bemerkbar macht. In gewissem Sinne darf hierher auch dieWarnung gegen Übertreibung der Methode und Einförmigkeit des technischen Unterrichts-verfahrens, z. B. in den lateinischen Stilübungen, gerechnet werden, wogegen Jäger a. a. O.sich ebenso witzig als treffend gewendet hat.
*) Vgl. K. Burdachs Beurteilung verschiedener Schriften über den deutschen Unterricht,in der Zeitschrift für deutsches Altertum, Band XXX, S. 134—l63.