Druckschrift 
9 (1887) Spanien - Vives
Entstehung
Seite
531
Einzelbild herunterladen
 

Überbürdung. 531

Anders steht es mit dem beklagten Mangel an geistiger Frische und Spannkraft,siir welche in der That unsere Unterrichtsordnung teilweise verantwortlich ist. Zunächstist es die Gleichförmigkeit der Unterrichtsforderungen bei allen Anstalten, .in allen Fächern,an alle Schüler, welche die Leitung der Lehrer und die Thätigkeit der Schüler mehr alsbillig einschnürt und die freie und frische Entwickelung der Eigenart nicht zu ihrem Rechtekommen läßt. Zwar soweit diese Gleichmäßigkeit aus der Einteilung der Schüler inKlassen im Gegensatz zu der früher vereinzelt gestatteten Scheidung nach Fächern fließt *),muß sie getragen werden, da das Gegenteil unmögliche Unordnung schaffen müsse. Wieaber der gute Erzieher schon jetzt nicht von allen Schülern dieselbe Leistung fordert, dergute Lehrer nicht in allen Fächern dieselben Ansprüche nach Ausdehnung und Schwereerhebt, die einsichtige Verwaltungsbehörde nicht alle Anstalten in derselben Bewegung nachderselben Methode zu sehen verlangt, sondern sich freut und es fördert, wenn die Eigen-kraft, die sittliche und geistige Wertschätzung der Schüler und der Unterrichtsfächer, dasUnterrichtsverfahren an verschiedenen Anstalten ein verschiedenes Gepräge trägt, so sollteallgemein diese Manigfaltigkeit nicht gehemmt, sondern ausdrücklich gestattet, sogar alsFrucht gesunder und sittlicher Selbstschätzung erwartet werden. Die Gefahr, daß solcheFreiheit leicht zu Willkür und Gesetzlosigkeit ausarten könne, scheint mir bei aufmerk-samem und lebendigem Verkehr der Aufsichtsbehörde mit den einzelnen Anstalten ausge-schlossen. Jene Gleichförmigkeit ist freilich für den mechanischen Unterrichtsbetrieb sehrbequem und bringt sich gern bei den Versetzungen und den Reifeprüfungen, aber mitschädlichem Nachdruck zur Geltung. Ganz recht hat Jäger (Aus der Praxis H 28) mitder Bemerkung, daß die Überbürdung nicht von den Hauptfächern, sondern von denNebenfächern und von der Gleichstellung beider herrühre.

Und ebenso richtig fährt derselbe Schulmann zur Erklärung der Überbürdung fort,daß man überall ein starkes Quantum gedächtnismäßigen Wissens verlange, anstatt daßman früher den Hauptnachdruck auf das Können gelegt habe; denn Latein, Griechisch,Mathematik könne der Schüler, Geschichte könne er nicht, er wisse nur einiges aus ihr.Denn neben der Gleichförmigkeit der Forderungen, welche die freie und hierin gesundeEntwickelung der Eigenart einmengt, ist es die Masse der überlieferten Kenntnisse, welcheden jugendlichen Geist belastet und seine Spannkraft schmälert. Diese Überschüttung mitKenntnissen, welche zwar nicht lediglich Gedächtnisstoff bleiben, jedenfalls nicht bleibensollen, aber von der Jugend doch schwer bis zu freier Beherrschung und wirklicher Geistes-nahrung angeeignet werden, zeigt sich besonders in den Geschichts- und den Religions-stunden; sie würde auch in der Naturgeschichte und der Chemie wirken, wenn hier nichtdie sinnliche Erscheinung manche Erleichterung gewährte. Sehr beachtenswert ist in dieserBeziehung die Bemerkung eines hochgebildeten Amerikaners **):Bei all meiner Bewun-derung für das deutsche Unterrichtswesen muß ich mich zu der Überzeugung bekennen, daßin vielen Schulen zu viel scholastischer Druck herrscht, daß die Jugend zu viel lernen,aber zu wenig denken muß, daß die Kunst der Initiative gefährdet, die individuelle Kraftuntergraben wird. Bisweilen habe ich, wenn ich von der Klasse eines der verschiedenenGymnasien oder unter den Studenten einer der verschiedenen Universitäten, die ich besuchthabe, saß, einen Mangel an jener zurückgehaltenen noch unverbrauchten Kraft zu bemerkengeglaubt, welche die amerikanischen und englischen Studenten im praktischen Leben so sehrfördert." Zu dieser Stoffanhäufung verleitet sowol die Übertreibung des Fachlehrer-systems, als die Überladung und weite Auszweigung unserer Lehrpläne, welcher auchdurch die preußischen Erlasse von 1882 weder für die Gymnasien und noch viel wenigerfür die Realanstalten genügend gesteuert wird,, worüber noch mehr zu reden ist. Die

*) Was mit dem System der Klassenlehrer und der Fachlehrer zwar sich berührt, abernicht schlechthin deckt.

**) Des früheren Gesandten der Vereinigten Staaten an unserem Kaiserhofe Or. AndrewD. White in seiner Schrift Neudeutschland, aus dem Englischen übersetzt von Ruprecht,Mtingen 1883.

34