Merbürdung. 529
körperlicher Kraft und Widerstandsfähigkeit zurückgehen, wird leider wol richtig sein, hataber mit der vorliegenden Frage nichts zu thun. Auf die leichtfertige Behauptung, daßdie Fälle von Geisteskrankheit sich unter der Gymnasialjugend mehren und daß dieserZuwachs der geistigen Merbürdung durch die Schule beizumessen sei, ist es unnötig ein-zugehen; genaue durch das preußische Unterrichtsministerium veranlaßte Untersuchungenhaben jene Angaben thatsächlich widerlegt, womit deum auch die vermeintliche Ursache fällt*).
Aber wie steht es mit dem geistigen Rückgang? Eine Abnahme der Fassungskraftist nirgends bemerkt noch behauptet worden, würde sich auch durch die Thatsache wider-legen, daß unsere Jugend nach vollendetem Schulunterricht mindestens mit derselbenFähigkeit wie früher den in das einzelnste und schwierigste gehenden Vorträgen ihrerakademischen Lehrer zu folgen vermag. Dagegen ist zuzugeben, daß mit der wachsendenLast der Kenntnisse sich leicht eine gewisse geistige Ermüdung verbindet, etwa eine Ab-nahme der Kraft und Fertigkeit, sich zu allgemeinen Ergebnissen, zu geistiger Zusammen-fassung und Durchdringung des Wissenstoffs emporzuheben, allerdings also eine Schwächungdes Vermögens, welches allein zu wahrer Idealität, d. h. zur Aufnahme und Aneignungunvergänglicher Geistesgesetze und schöpferisch wirkender Anschauungen befähigt. Dies heißtsteilich im Grunde nichts anderes, als daß unser Zeitalter überhaupt, nicht nur dieJugend, zu spekulativer Philosophie weder Neigung noch Beruf besitze; dies trifft alsoAlte und Junge, und es wird wol kaum behauptet werden, daß die Kant und Fichte,die Schelling und Hegel durch die besondere Art der damaligen Gymnasialbildung möglichgeworden sind. Die Allgemeinheit dieses unleugbaren Mangels darf uns indes nichthindern, seinem Ursprung bis in unsere Schulen uachzugehen; nur mag hier vorläufigbemerkt werden, daß, wenn die Professoren über Abnahme oder Abwesenheit dieser Geistes-kraft unter ihren Zuhörern klagen, sie in der Regel diejenigen unter ihnen meinen, welchesie von den Realanstalten erhalten. Warnehmbar ist indes diese Erscheinung auch auden Zöglingen der Gymnasien und sie hängt unstreitig mit der Vielwisserei zusammen,zu welcher der Lehrplan beider Anstalten, derjenige der Realgymnasien allerdings in stär-kerem Grade verleitet. Völlig zutreffend sagt Wiese a. a. O„ S. 12: „Sich anzueignen,was andere gedacht und gesagt, kann bei der Menge dessen was dazu einladet so sehrzur Gewohnheit werden, daß es zum Selbstdenken und einem Aussprechen aus freierSeele gar nicht mehr kommt." Der Wahrheitssinn und die Wahrheitsergründung wird
durch die äußere Wissensmasse nicht gefördert; vielmehr führt diese eher zur geistigenTrägheit und zum Hochmut, beides leicht zu einander gesellt und jedesfalls beides derWahrhaftigkeit zuwiderlaufend.
Daß außer und neben diesem Mangel noch eine Abnahme der sittlichen Kraft, derBegeisterungsfähigkeit, kurz der sogenannten idealen Gesinnung an der Jugend der höherenSchulen und zwar durch die Schule selbst hervortrete, kann nicht zugestanden werden.Soweit die Jugend dieser Ausstellung unterliegt, fällt dies nicht der Schulerziehung zurLast, sondern der allgemeinen Strömung in der umgebenden Welt, in dem öffentlichenund dem Umgangsleben, selbst in der Familie, deren vereinte, im einzelnen nicht ab-zumessende, in ihrer Summe aber außerordentlich starke und stetige Einwirkung die Schulenicht abzuwehren vermag. Ja, es bleibt nicht einmal bei diesem unbewußten und un-berechenbaren Einfluß: als ein verdienter Direktor entschlossen das Verderben aufdeckte,welches die Schülerverbindungen durch lange Jahre über Geist und Gemüt unserer Gym-nasialjugend hinaufgeführt hatten, da fehlte es nicht an Vätern, welche dieses Unwesenöffentlich verteidigten, wie es auch schon vor der Enthüllung desselben nicht an Väterngefehlt hat, welche dasselbe wissentlich zu verdecken beflissen waren. Die Fähigkeit derBegeisterung, die Neigung zu ivealer Geistesbewegung trägt bei alledem die Jugend jetztebenso in sich wie früher; Zeuge dessen sind manche Erscheinungen und Bestrebungen aufunseren Hochschulen, welche zwar noch der Klärung bedürfen, sich auch wol im nächsten
*) CentraMatt a. a. O. S. 2 S 0 —234.
P-idag, Enchklopädie. IX. 2. Aufl. 34