Uberbürdung.
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ganze noch nicht genügen sollten, dem möge Lobeck *) erinnern, daß schon vor zweitausendJahren den Rhetor Libanius die Klagen der Menschen „ant purum äissi g, pusris autuilliium" verdrossen haben. Klagen von solcher Dauer und Gleichartigkeit pflegen ihrenGrund in Vorgängen und Anschauungen zu haben, welche sich mit innerer Notwendigkeitin der menschlichen Seele abspiegeln und widerholen, etwa wie die stetige Klage über dasEntschwinden der guten alten Zeit. Da jene Anschuldigung aber in dem letzten JahrzehntMt besonderer Lebhaftigkeit und zwar nicht nur von nsssio <zuo äs plsbs, sondern auchin unseren Landesvertretungen, freilich hauptsächlich in der preußischen erhoben wird, so darfan derselben ein pädagogisches Handbuch nicht schweigend vorübergehen. Untersuchen wiralso im folgenden genau den Inhalt und Grund dieser Klage, um hiernach die etwa er-forderlichen Heilmittel festzustellen. Wie sich von selbst versteht, muß hierbei jede Aus-stellung ausgeschlossen werden, welche sich auf das Ungeschick einzelner Lehrer richtet; nurdie bleibenden und allgemeinen Übelstände in der Einrichtung, der Methode, der Lehrerweltdürfen uns soweit beschäftigen, als sie das erwähnte Übel verschuldet zu haben scheinen.
Wohin geht jene Klage? Sie behauptet, daß sich unter der Gymnasialjugend eineAbnahme der Körperkraft, eine stark zunehmende Kurzsichtigkeit, sogar ein Zuwachs anGeisteskrankheiten kund gebe. Auch die Geisteskraft verringere sich, obschon nicht näherangegeben wird, worin diese Verringerung zutage trete. Vor allem gehe die Strebsamkeitund die Willensfrische zurück, dem entsprechend auch ein Schwinden der idealen Gesinnungund der Begeisterungsfähigkeit nicht zu verkennen sei. Letztere Behauptung wird wolgelegentlich mit der Bemerkung unterstützt, daß mit dem Verlassen der Schule auch diemit so großer Anstrengung gelesenen Klassiker beiseite gelegt und bald vergessen würden:sicher ein Grund des Bedauerns für denkende Schulmänner, auch ein Anlaß zur Schaden-freude für die heutigen Gegner der Gymnasien, welche die Bildungskraft des Altertumsfür ausgeschöpft, wenn nicht gar für eingebildet halten. Auch die vaterländische Litteraturwerde von der Jugend weniger gelesen und geliebt als früher. An allen diesen sei teilsdie verkehrte Art des Unterrichts, namentlich die Überschätzung der alten Grammatik,teils die Zurückdrängung des naturwissenschaftlichen oder auch des deutschen, nach ver-einzelter Anschauung selbst des philosophischen Unterrichts Schuld; besonders werde aberdie Entwickelung der jugendlichen Anlagen durch das Übermaß der Arbeit gehemmt, wennnicht gar erstickt. Die an unsere Schüler gestellten Forderungen seien aber zu einseitigund zu hoch, obschon andererseits z. B. auf den Universitäten auch wider über Mangelan genügender Schulung, namentlich in den alten Sprachen, geklagt wird. Denn daß dieProfessoren von den angehenden Studenten ein größeres Maß naturwissenschaftlicher Kennt-nisse verlangen sollten, ist noch nicht oder nur ganz vereinzelt gehört worden.
Sowol dieser geistige und körperliche Rückgang unserer Jugend als die Ursachedesselben, nämlich die schulmäßige Überbürdung, wird als unumstößliche, des weiterenBeweises nicht bedürftige Thatsache angenommen, zu deren Beseitigung sodann eine ver-änderte Einrichtung unserer Gymnasien dringlichst begehrt wird. Die Zahl der Schul-stunden, besonders aber die Hausaufgaben, seien erheblich zu beschränken; für die täglicheArbeitszeit sei ein festes, unüberschreitbares Maß vorzuschreiben; die Forderungen, namentlichbei der Abgangsprüfung, seien herabzustimmen oder, wenn dies einem Teile der Anklägerselbst bedenklich vorkommt, durch Verbesserung der Methode leichter und einfacher zu er-füllen: in welcher Art der Verbesserung, darüber vermeiden diese erleuchteten Anklägerunter den Laien vorsichtig die nähere Angabe, außer daß eben nicht so viel Zeit undAnstrengung auf die alte Grammatik verwendet werden dürfe. Und um letzteres zu er-reichen, wird als gründliches Heilmittel eine erhebliche Beschränkung des altklassischenUnterrichtes, wenn nicht gar seine völlige Ausmerzung und sein Ersatz durch das Lesenguter Übersetzungen vorgeschlagen, wogegen der mathematisch-naturwissenschaftliche Unterricht
*) In der Rede Os vstsrs vitas st sobolas äisoiäio (Lehnert, Auswahl aus Lobecksakademischen Reden, 1885, S. 136).