Druckschrift 
9 (1887) Spanien - Vives
Entstehung
Seite
513
Einzelbild herunterladen
 

Turnanstalt.

513

beim Turnen der Schulen; dessenungeachtet ist auch für Turnvereine eine gedielte Turn-halle brauchbar. Man hat sich immer mehr davon überzeugt, daß die Turnhallen vor-wiegend für das Winterturnen zu berechnen sind, weshalb man auch nicht alleSommerturnübungen in die Turnhalle zu verlegen braucht. Trotzdem hat man nichtselten die Turnhallen wie überbaute Turnplätze angelegt, indem man darin Lauf-, Wurf-und Springbahnen, ja sogar Klettertürme, anzubringen für angemessen hielt. Wo mandurch das Fehlen eines Turnplatzes dazu veranlaßt wurde, läßt sich das schon hören;sonst aber gehören solche Einrichtungen ihrer Natur nach ins Freie, auch macht ihre An-lage innerhalb derselben die Turnhallen unnötigerweise kostspielig.

Der Umfang der heutigen Turnhallen im Grundriß wechselt in der Regel in demUmfange von 60 Fuß Länge und 50 Fuß Tiefe an, bis zu 150 Fuß Länge und 80Fuß Tiefe ohne die Nebenräume für Eingang, Kleiderzimmer u. dgl. Gewöhnlich rechnetman zur Aufstellung und Bewegung in den Freiübungen auf 60 Turner einen Raumvon 2400 Fuß im Geviert. So zeigt beispielsweise der Saal der städtischen Turnhallein Berlin 150 Fuß Länge und 75 Fuß Tiefe (120 000 Thlr. Herstellungskosten), derSaal der Stuttgarter Turnlehrerbildungsanstalt 100 Fuß Länge und 60 Fuß Tiefe(85 000 Gulden), der Leipziger Turnhalle 120 Fuß Länge, 80 Fuß Tiefe (40 000 Thlr.),der Dresdener Turnlehrerbildungsanstalt 110 Fuß Länge, 55 Fuß Tiefe (45 000 Thlr.),der Berliner Centralturnanstalt 70 Fuß Länge, 45 Fuß Tiefe (25 000 Thlr.). Fürdie Bedürfnisse einer Turnanstalt, in welcher eine Klasse von 5060 Schülern bequemRaum zum Turnen hat, hält man die Größenverhältnisse von 60 Fuß Länge, 50 FußTiefe und 1618 Fuß Höhe für angemessen und war imstande, solche Turnanstaltenfür 6 bis 10 000 Thaler herzustellen. In den meisten Fällen gieng man in betreff derLänge gerne auf 7080 Fuß ein, während man die Tiefe auf ca. 40 Fuß beschränkte.Das hatte seinen Grund darin, daß die Baumeister eine kostspielige Dachkonstruktion alsSprengwerk vorsehen mußten, wenn die Tiefe der Turnhalle weit über 40 Fuß hinaus-gieng. Solchergestalt sind in den sechziger Jahren in Deutschland sehr viele Schulturn-anstalten erbaut worden, obgleich eine größere Tiefe für den Turnunterricht immer vor-teilhafter ist. Unzweckmäßig und dem allgemeinen auch beim Turnen zu verfolgenden Er-ziehungszweck zuwider ist es, die Turnhalle nur für die Turner einer oder zweier Klassenzu bemessen, weil hierdurch die Versammlung des gesamten turnenden Schülercötus ver-hindert, das Gefühl der Gemeinsamkeit gestört und die Verpflichtung der größeren zurHilfeleistung bei den kleineren unterbunden wird.

Einen wichtigen Punkt bildet die Höhe der Turnhalle; da es von ihr wesentlichabhängt, ob in derselben im Winter eine angemessene Temperatur von mindestens 8°Wärme zu ermöglichen ist. Es war eine irrtümliche Ansicht, wenn man wähnte, eineTurnhalle brauche gar nicht beheizt zu werden, da die Turnübungen von selber warmmachten. Man übersah dabei, daß sich in einem von der äußeren Temperatur abge-schlossenen Raume eine eiskalte, kellerluftartige Atmosphäre bildet, die um so nachteiligerauf den Körper wirkt, wenn derselbe in leichten Schweiß geraten ist. Wenn nun mitRücksicht auf unsere klimatischen Verhältnisse der Zweck der Beheizung erreicht werden soll,so muß sich die Höhe des Turnsaales in dem Umfange von 16 bis höchstens 24 Fußhalten. Bei solchen Höhenverhältnissen wird man im Sommer einen kühlen, im Wintereinen leicht heizbaren Turnraum erhalten, in welchem mit Hilfe einer leicht anzu-bringenden Ventilation auch stets die beim Turnen so nötige frische Luft gewonnenwerden kann.

Überall, wo man jenes Höhenverhältnis überschritt, haben die Turnhallen für denWinter ihren Zweck nicht erfüllt. Namentlich für Schulturnklassen, die meist am Tageturnen, sind allzuhohe Turnräume unpraktisch; für Turnvereine Erwachsener, die vor-wiegend abends in größeren Massen und bei Gaslicht turnen, machen sich die Übelständeeiner nicht gehörig heizbaren Turnhalle weniger fühlbar. In betreff der Beheizung istnoch der Umstand wichtig, ob die Turnsaaldecke eine geschlossene sei, oder ein sogenanntes

PSdag. Enchllopädie. IX. 2. Aufl. ZZ