Druckschrift 
9 (1887) Spanien - Vives
Entstehung
Seite
512
Einzelbild herunterladen
 

512

Turnanstalt.

schon durch größeren räumlichen Umfang und eine größere Manigfaltigkeit in den Turn-vorrichtungen aus, unter denen namentlich Reck und Barren als neue Hang- und Stemiu-geräte hervortraten. Fast durchweg fand man in den ersten drei Jahrzehnten unseresJahrhunderts in ganz Deutschland die Turnanstalten nur als Übungsplätze im Freienvor, die notdürftig mit einigen Turngeräten besetzt waren, an denen man sich in derbesseren Jahreszeit bei gutem Wetter übte. Etwa vom Jahre 1830 ab sieht man dieTurnkunst häufiger in Turnsäle einziehen, wozu man größere entbehrliche Räume in Ge-meindehäusern, Kaufhallen oder Schulen benutzte. Erst seit der allgemeineren Einführungdes Turnens bei den Schulen anfangs der vierziger Jahre schreitet man zur Ausführungeigener Turnhallen, die in ihrer anfänglichen Gestalt häufig genug nur an überdeckteSchuppen erinnerten, nach und nach aber sich immer zweckmäßiger und schöner, teilweisezu wahren Prachtbauten entwickelten.

So hat bei uns die Entwickelung der Turnanstalten denselben Gang genommen, wiedie der Gymnasien des alten Griechenlands, welche in der frühesten Zeit ebenfalls nuroffene geebnete Plätze waren, auf denen man dann des Schattens halber Platanenreihenanpflanzte, die man hierauf mit bedeckten Säulengängen versah, bis endlich das vollständigeGymnasium mit Palästra, Ephebeum, Lysta, Stadium und den verschiedenen Nebenräumendastand. Namentlich sind seit der Verallgemeinerung des Turnunterrichts an höheren undVolksschulen anfangs der sechziger Jahre fast alle Haupt- und Mittelstädte Deutschlandszur Errichtung von Turnanstalten im größeren Stile geschritten, womit sich der Begriffder Turnanstalt dahin erweiterte und vervollständigte, daß man Turnhalle oder Turn-haus und Turnplatz als notwendige und sich ergänzende Bestandteile einer Turn-anstalt ansah. Denn nur mit Hilfe dieser beiden unzertrennlichen Einrichtungen war dieRegelmäßigkeit und Vollständigkeit des Turnens zu jeder Jahreszeit und unabhängig vonden Witterungsverhältnissen ermöglicht und damit erst der Erfolg des Turnens gesichert.

Ein Blick auf die heutigen Turnanstalten in den größeren Städten, wie in vielenmittleren und kleineren Orten, zeigt eine große Berschiedenartigkeit in der Anlage. Jenach den örtlichen Verhältnissen und Bedürfnissen haben auch die Turnanstalten ihr lokalesGepräge erhalten, namentlich durch den Umstand: ob dieselben vorwiegend für Erwachsene,oder für die Schuljugend oder für beide bestimmt waren. Alle modernen Turnhallenzeigen übereinstimmend im Inneren einen größeren freien Raum mit einem von 50 FußLänge und 40 Fuß Tiefe an aufsteigcnden Größenverhältnissen zur Aufstellung größererTurnabteilungen. Diese Einrichtung gründet sich auf die in der Neuzeit mit Recht er-folgte Würdigung der Frei- und Ordnungsübungen, bei welchen die Turnenden Leibes-übungen der einfachsten, schönsten und bildendsten Art im Stehen und Gehen ohne Zu-hilfenahme von Turngeräten meist gemeinschaftlich und im Takte ausführen. Diesemfreien Raume hat man ganz zweckmäßig einen gedielten Boden gegeben, weil derselbe fürden Winter eine warme Standfläche bietet und bei den Freiübungen die Hervorhebungvon Takt und Rhythmus begünstigt. Diese Bedielung mit anderthalbzölligen Bohlen iststets dem tennenartig hergerichteten Fußboden, oder der Belegung des Bodens mit Lohe,Sand u. dgl. vorzuziehen. Die häufig beliebte Belegung des Bodens mit Lohe giebtden Turnhallen ein unreinliches und unwirtliches Aussehen. Auch verbreitet die trockeneLohe einen für Augen und Lungen nachteiligen Staub, während sich die angefeuchtete inschmieriger Form an die Füße hängt, einen kalten Fußboden abgiebt und eine übel-riechende naßkalte Luft verbreitet. Auch eine teilweise Bedielung des Fußbodens mitBelassung gewisser Stellen mit Lohboden hat so viel Unzuträglichkeiten gezeigt, daß manNeuerdings in allen Fällen zur gänzlichen Bedielung zurückgekehrt ist. Für die preußischenSchulturnhallen ist deshalb nach eingeholtem Gutachten die vollständige Bedielung amtlichangeordnet. Zur Vermeidung von Unfällen werden dann unter dem Reck rc. tragbareKorkmatratzen untergelegt. Für die besonderen Zwecke der Turnvereine hält man dieBedielung der Turnhallen weniger für angezeigt, da beim Turnen der Erwachsenen dieFrei- und Ordnungsübungen mit ihrem rhythmischen Gepräge weniger betont werden, als