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9 (1887) Spanien - Vives
Entstehung
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Tugend.

und eben darum darf auch der Erzieher nicht sagen: in meinem Zöglinge ist nun einmalnur diese oder jene tugendhafte Anlage und Neigung, also pflege ich auch nur diese. DerMann von gediegener Sittlichkeit wird gerade darin sich selbst erziehen, daß er sich dieLücken und Mängel, die ihm anhaften, nicht verbirgt, sondern daß er sie auszufüllensucht, daß er auch, was ihm schwer wird, wofür Temperament, Neigung, Geschick undsittliche Kraft in ihm geringer ist, durch Selbstüberwindung sich ancignet; was seine per-sönliche Tugend ist, das wird dadurch nicht geschwächt, es wird sogar seine Eigentümlick-keit bleiben, aber er hat sich dann nicht anderweitige Versäumnisse vorzuwerfen, seineTugend ist, wenn auch im einzelnen nicht mit gleicher Energie und gleichem Erfolg ent-wickelt, dennoch eine ganze, in sich ungebrochene (vgl. d. Art. Charakter). Noch vielweniger darf der Erzieher sittliche Lücken am Zögling übersehen oder durch das Vor-handensein anderweitiger Tugenden für gedeckt, oder auch nur für entschuldigt achten;denn diese selbst sind noch viel zu wenig gefestigt; hält er mit diesen die sittliche Aufgabeschon für gelöst, so ist die Gefahr sehr groß, daß diese Tugenden selber wider schwinden,dagegen die Mängel, die man geduldet, zu wirklichen Fehlern oder gar zu Lastern werden.In dieser Beziehung vertritt der Erzieher das Gesetz; was irgend recht, gut und löblichist, das soll das Kind wollen und thun lernen ist in ihm das Zeug vorhanden, einCharakter zu werden, so wird sich dieser gerade aus jener Grundlegung um so reiner vonselbst heranbilden, wenn es Zeit dazu ist.

Hiervon verschieden scheint immerhin die Frage zu sein, ob es nicht besondere Kindes-tugenden gebe, die der Erzieher zu bewirken und zu Pflegen sich in erster Linie müsseangelegen sein lassen und die nicht ebenso auch den Mann zieren würden. Der Unter-schied des Unmündigen vom Mündigen und die daraus folgende Abhängigkeit des ersterenbegründet allerdings einen Unterschied; der unbedingte Gehorsam des Kindes, seine Schüch-ternheit, dann wider die kindliche Form der Aufrichtigkeit, kraft deren es alles heraus-sagt, was es denkt, die Neigung, ein ihn beeinflussendes Vorbild auch in Kleinigkeitennachzuahmen u. dgl., das alles wird an einem Kind uns als Tugend erscheinen, währendes unmännlich wäre in späteren Jahren. Allein genauer betrachtet ist dies dennoch nichtein Unterschied in der Gesinnung des Kindes und des Mannes, also im Wesen der Tugendselber; sondern jenes ist noch cingeschlosseu in einen engen Lebenskreis, in dem sich dieGesinnung zuerst bethätigen muß; sobald cs in das reifere Alter tritt und auch dannnoch von Jahr zu Jahr erweitert sich dieser Kreis immer mehr, und nun wird allerdingsz. B. die Offenheit und Aufrichtigkeit diesem gegenüber sich anders äußern, wird durch dieLebenserfahrung, durch die Klugheit sich leiten lassen, hört aber darum nicht auf, sienimmt nur die Gestalt der männlichen Lauterkeit und Wahrhaftigkeit an. Des KindesSchüchternheit wird zu der Bescheidenheit, die auch dein verdientesten Mann zur Ehregereicht; und der Kindesgehorsam, das Brechen des eigenen Willens in Liebe und Ehr-furcht gegen die Eltern wird zum Gehorsam gegen Gott, zur Gottesfurcht, sowie derStaatsordnung gegenüber zur bürgerlichen Tugend, zur Loyalität. Für den Erzieherergiebt sich daraus die negative und positive Regel, daß er nicht, wie wol hier und dageschieht, die Kindestugend eben in ihrer Art und Gestalt schlechterdings in gleicher Ge-stalt erhalten will, also von dem 16- und 20jährigen völlig den gleichen Gehorsam fordertwie vom sechsjährigen, oder daß er jenem das eigene Denken und das Geltendmachen freigewonnener Erkenntnis ebenso für Naseweisheit, 'für Dreistigkeit und Mangel an Ehr-erbietung anrechnet, wie er etwa einem Kinde es untersagen würde, superkluge kritischeBemerkungen zu machen; daß er dagegen selbst dazu helfen soll, jenen engen Kreis all-mählich zu erweitern und darüber wachen, daß nur jener naturgemäße Entwickelungsgang,wodurch z. B. die Liebe und das Vertrauen des Kindes zum Vater sich auf Gott über-trägt und so zur männlichen Frömmigkeit wird, ungestört vor sich gehen kann. Nur daraussei hier aufmerksam gemacht, daß unverständige Eltern nicht selten eine Neigung desKindes, die die Anlage zu einer Tugend in sich birgt, gering achten oder gar unterdrücken,weil sie ihnen unbequem ist, wie z. B. die Ordnungsliebe, die Pünktlichkeit in Bezug auf