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Tugend.
dem Griechen nur die xct).oxa/«A-« als sittliches Ideal genügt, so ergiebt sich uns beider Analyse des Tugendbegriffs als drittes Grundmerkmal die Schönheit, d. h. die dashöchste Wolgefallen erregende Harmonie, das reine Ebenmaß, von welchem die sittlicheThatkraft und die sittliche Fertigkeit beherrscht wird; wir Deutsche gebrauchen zwar dasBeiwort schön nicht unmittelbar von der tugendhaften Person (wie es sogar die Gräcitätdes Neuen Testaments thut, Joh. 10, 11, 2. Tim. 2, 3, 1. Petri 4, 10), aber wirnennen eine Handlung oder Gesinnung schön, wenn das Gute darin als etwas in sichVollendetes, durch keine, auch noch so naheliegende, selbstsüchtige Rücksicht Unterbrochenesoder Beflecktes, den Menschen Verklärendes, unser höchstes Wolgefallen hervorruft, wie imGegensätze zur Tugend das Laster immer etwas Häßliches, den Menschen Schändendes ist.
Wenn wir sofort von Tugenden in der Mehrzahl reden, so ist es an sich ganzrichtig, daß sie, wie sich Fr. H. Schwarz ausdrückt (Eth. I. S. 264), „nur die Viel-fachheiten sind, in welchen die eine Tugend als überall dieselbe nach verschiedenen Be-ziehungen hin sich äußert und gestaltet," daß also ihr Unterschied nicht durch eine Mehr-heit elementarer sittlicher Gesinnungen, durch verschiedene Arten des Willens, sonderneinfach durch die Manigfaltigkeit der Objekte bewirkt wird, auf die sich der eine, sich selbststets gleiche, tugendhafte Grundwille richtet,*) und die eben durch ihre Verschiedenheitdiesen einen Grundwillen zu verschiedenen Arten des Verhaltens nötigen, wie z. B. die-selbe Grundgesinnung sich gegen die Bosheit als Strenge, gegen die Schwachheit alsMilde erweist, wie dasselbe Gottvertrauen einen Mann kühn im Reden und Handeln,zu anderer Zeit aber ebenso stille und geduldig macht. Die Tugenden sind nicht wie dieWaren in einem Magazin verteilt, so daß jeder nach Belieben die eine wählen, dieandere ablehnen könnte; der Mangel einer Tugend wird zur Untugend; ein Satz, dendie Bibel in ihrer Sprache so ausdrückt: „So jemand das ganze Gesetz hält und sündigetan einem, der ist es ganz schuldig" (Jak. 2, 10). Aber so sehr dieses Verbundenseinaller Tugenden durch ihre innere Einheit, die Tugend, sich für jeden in die Aufgabemnsetzt, daß er nach ihnen allen streben, alle Lücken auszufüllen bemüht sein soll (wofürabermals die Stelle Phil. 4, 8, sonst aber auch Ermahnungen manigfacher Art wiePhil. 1, 9—11, Matth. 5, 48 u. a. m. anzuführen wären): so bleibt diese Gleich-mäßigkeit der Ausbildung aller Tugenden doch immer ein Ideal, das jeder nur an-näherungsweise verwirklicht, nicht bloß wegen der uns stets anklebenden menschlichen Un-vollkommenheit, wegen der Nachwirkung der Sünde, sondern auch weil es das Wesen dermenschlichen Persönlichkeit, das Gesetz und Recht der Eigenart mit sich bringt, daß dieMischung in jedem wider eine andere ist, daß also bei jedem, auch dem Rechtschaffendsten,eine und die andere Tugend stärker in den Vordergrund tritt. Ist z. B. bei dem einender gewissenhafte, anhaltende Fleiß in seinem Beruf die Haupttugend, so fehlt ihm da-gegen der kühne Mut, ein Neues zu schaffen; das Zartgefühl, gewiß eine edle Tugend,weicht bei einem andern einem rücksichtslosen Geltendmachen der Wahrheit und Gerechtig-keit; die Tugenden eines Luther sind nicht die eines Melanchthon. Aber wenn wir, insGroße und Ganze blickend, sagen müssen: ebendeshalb stehen nach Gottes Fügung diebeiden nebeneinander, so ergänzt Gottes Schöpferhand den einen immer durch den andern:so darf doch der einzelne sich dieses Gesetzes nicht als eines Vorwands bedienen, um sichder Verpflichtung zu dieser oder jener Tugend zu entledigen, weil ja ein anderer sie übe;
*) Wie ja bekanntlich auch Fichte die Einheit aller Tugend lehrt und die Erziehungals Bildung zum reinen Wollen bestimmt, W. W. VII, 291. Vgl. dazu seine Anweisung zumseligen Leben, W. W. V, 411: „Oder soll das selige Leben etwa in tugendhaften Thaten undHandlungen bestehen? Was diese Profanen Tugend nennen, daß man sein Amt und seinenBerus regelmäßig verwalte, einem jeden das Seinige lasse, wol noch überdies dem Dürftigenetwas schenke: — diese Tugenden werden fernerhin, sowie bisher, die Gesetze erzwingen, und dasnatürliche Mitleid dazu bewegen- Aber zu der wahrhaftigen Tugend, zu dem echt göttlichen, dasWahre und Gute in der Welt aus nichts erschaffenden Handeln, wird sich nie einer erheben,der nicht im klaren Begriffe die Gottheit liebend umfaßt; wer sie aber also erfaßt, wird, ohneall seinen Dank und Wollen, anders handeln gar nicht können, denn also."